Schreyhals 45

Schreyhals 45

FC BASEL 1893 – FC AARAU, 23. November 2014

UND ES WURDE LICHT

Jedes Jahr werden in Europa Stadien abgerissen oder umgebaut. In den neuen Arenen ist die Beleuchtung in die Mantelschale oder das Dach integriert, die alten Flutlichtmasten werden nicht mehr benötigt und verschwinden still und leise. Die «Stahlgiraffen» läuteten eine neue Ära ein, revolutionierten den Fussball und machten ihn zu dem, was er heute ist. Mit ihnen stirbt ein bedeutender Teil Fussballgeschichte – höchste Zeit für eine Würdigung.

Mein erstes Spiel im Joggeli war ein 5-1 gegen Vevey anfangs der Saison 1982/83. Mit dem Fussball hielten es meine Eltern ganz mit Franz Beckenbauer – «das interessiert mich so, wie wenn in China ein Sack Reis vom Radl fällt.» Aber mit meinem besten Freund aus der Primarschule und seiner Mutter als Aufpasserin durfte ich gehen. Wir fuhren mit dem Bus durchs Gundeli und schon vom Dreispitz aus sah man die Flutlichter des Stadions, welche uns zappeligen Buben in ihren Bann zogen. Am Joggeli angekommen, hatte die Mutter noch kaum die Billets gekauft, da waren wir zwei schon am streng blickenden, beschnauzten Securitas-Mann vorbei und rannten die Rampe hinter den Kassehäuschen hoch, jeder wollte das Spielfeld als erster sehen. Es war August, vermutlich viertel vor 8, und wir zwei standen mit unseren druckfrischen Matchprogrammen unter den Bäumen (jawohl, damals gab es noch Bäume im Joggeli) und waren hin und weg von dem, was wir unter uns sahen: unsere sich einlaufenden Helden auf dem heiligen Rasen, Stohler, von Wartburg, Geisser, Berkemeier; den Totomat; die für uns gigantische Menge von 5-6’000 Zuschauern in dieser enormen Betonschüssel, alles betont und in Szene gesetzt von den grellen Lichtern hoch über uns. Natürlich wären wir Buben auch am Nachmittag begeistert gewesen, dr erschti Match!, aber die Masten tauchten alles in dieses hypnotisierende Licht. Der Rasen war unsere Theaterbühne; das Licht verlieh ihm zusätzlichen Zauber. Zumindest an jenem Abend im August 1982, an dem wir uns fragten, welcher Tausendsassa hochsteigt, um die kaputten Glühbirne auszuwechseln.

Die «Giraffen» sind die von weitem sichtbaren Leuchttürme des Fussballs. Architektonisch sind sie keine Augenweide, aber sie künden von weit her: «hier ist das Stadion.» Niemand, der nachts an einem durch hohe Flutlichtmasten erleuchteten Stadion vorbeifährt, kann sich der Anziehungskraft entziehen. Das Licht kündet allen von weit her an, dass gekickt wird. Egal, ob Fussballfan oder nicht – jeder weiss: Heimspiel, hier und jetzt. Das Licht geht an, die Zeit für Brot, Wurst, Bier und Spiele beginnt. Das Licht der Masten ist eine Brennlampe und lenkte die Aufmerksamkeit auf das einzig wahre – den Platz. Um ihn herum herrscht tiefe Dunkelheit.

Und wie sie den Sport veränderten! Die ältere Generation unter uns hat noch den Landhof erlebt. Dort gab es nur Spiele bei Tag, Seppe Hügi hat keines seiner vielen Tore unter Flutlicht geschossen. Mit dem Umzug ins alte Joggeli (gebaut für die WM 1954) änderte sich dies schlagartig. Eine neue Ära des Stadionbaus hatte begonnen. Auf einmal war es möglich, abends zu spielen. Der Trend kam, wie so vieles andere auch, aus England. Das erste Spiel unter Flutlicht war Arsenal – Hapoel Tel Aviv am 19.9.1951 (das Spiel wurde von 84 1500-Watt-Lampen erhellt – heute reicht das nicht mal für einen anständigen Kindergeburtstag) und mit einigen Jahren Verspätung hielt der Trend auch auf dem Kontinent Einzug. Die Betonmasten in der Brüglingerebene symbolisierten Fortschritt, den Glauben, dass die Technik alles besser macht, verknüpft mit der Vorfreude auf die WM und eine neue erfolgreiche Ära des FCB. Es ist heute kaum vorstellbar, aber Fussball in der Nacht war vor gar nicht langer Zeit eine Sensation und noch in den 1970er Jahren ein Werbeargument. Auf einem Plakat, das für das Europacup-Halbfinalspiel Hamburger SV gegen Atlético Madrid vom 20.4.1977 (19.30h) wirbt, steht zum Beispiel mitten im Plakat: «Flutlichtspiel». So sollten die Massen zusätzlich angelockt werden.

Das Flutlicht brachte seine eigenen Helden hervor. In den 60er Jahren war die Mannschaft des FC Lausanne-Sports in ihrem damals topschicken Stade de la Pontaise in Abendspielen unschlagbar. Noch heute ist das Team als «Könige der Nacht» ein Begriff, ihr damaliger Captain, der aus St Gallen stammende Richard Dürr, wurde nach seinem Tod im Mai dieses Jahres in den Medien ausgiebig gewürdigt. Diese bis heute anhaltende Verehrung ist einzig auf die Anziehungskraft des Flutlichtes und die damals noch aufregend neuen Spielen am Abend zurückzuführen. Eine Mannschaft als «Könige des Tages» zu bezeichnen? Absurd.

Die Masten repräsentieren den Aufstieg und Niedergang einer neuen Fussballepoche. Noch an der WM 1954 in der Schweiz fanden alle Spiele bei Taglicht statt, mit Vorliebe um 17.00h, damit Zuschauer direkt von der Arbeit an die WM konnten und das Spiel noch vor Eindämmerung beendet war (das späteste Spiel war übrigens England- Belgien am 17. Juni 1954 im Joggeli). Der Siegeszug der Nachtspiele lässt sich sehr gut an den spätesten Anspielzeiten der Weltmeisterschaften in Europa nachzeichnen (diese fanden alle im Sommer und unter ähnlichen Bedingungen statt). Die letzten Spiele wurden angepfiffen:

WM 1954 (Schweiz): 18.10h

WM 1958 (Schweden): 19.00h

WM 1966 (England): 19.30h

WM 1974 (Deutschland): 19.30h

WM 1982 (Spanien): 21.00h

Innert dreissig Jahren verschoben sich die spätesten Anspielzeiten um fast 3 Stunden nach hinten. Das Licht der Masten machte es möglich.

Da nun abends und die ganze Woche gespielt werden konnte, änderten sich der Fussballkalender und das Verhalten der Zuschauer langsam, es ging weg vom Samstag/Sonntag Rhythmus (Mythos 15:30h) hin zu einer flexibleren und gestaffelten Spielansetzung. Es wurden mehr Spiele ausgetragen, Freundschafts- und Europacupspiele, und die gefürchteten ‚englischen Wochen’ begannen. Die gewichtigste Änderung aber war, dass Abendspiele ab den 80er Jahren vermehrt am TV gezeigt wurden, auch dank dem aufkommenden Privatfernsehen. Der Fussball wurde zum Fernsehsport und durch die Werbeeinnahmen kamen Vereine und Spieler ans ganz grosse Geld.

Die Ironie an der Sache war, dass diese Revolution ohne das Flutlicht der Masten nicht möglich geworden worden wäre – die neue Entwicklung aber letztlich zum Ende der «Giraffen» führte. Heute werden alle internationalen Wettbewerbsspiele abends ausgetragen und live in die ganze Welt übertragen. Fussball unter den alten Masten taugt für dieses Hochglanz- und Premiumprodukt nicht mehr. Das Licht aus vier Quellen über den Eckfahnen wirft Schatten auf jeden und alles, was sich auf dem Feld bewegt, und das wirkt schummrig und düster (wer es nicht glaubt, ist herzlich eingeladen, sich ein Abendspiel auf der Schützenmatte anzusehen). Um für die anspruchsvolle Liveübertragung zu genügen, mussten dringend neue Lichtquellen geschaffen werden, eine Beleuchtung aus allen Winkeln, die das Taglicht simulieren und die störenden Schatten eliminieren sollte. Die Masten wurden zum vor sich hinrostenden Auslaufprodukt.

Die Ironie der Geschichte: Der Fussball, wie wir ihn heute kennen, wäre ohne künstliches Licht undenkbar. Zum Opfer fallen die «Giraffen» nun ausgerechnet der Kommerzialisierung und den neuen Vermarktungsmöglichkeiten, die sie selber erst ermöglicht hatten. Der Fortschritt fordert seine Opfer. Grund für Wehmut bei all denen, die den Fussball in den 70ern und 80ern im Stadion erlebt haben. Als das Licht noch etwas ganz spezielles war und es im alten Joggeli einen Totomat, Vorspiele und diese vier hohen, dünnen Masten gab.

(Und wer mir sagen kann, wie man damals die kaputten Glühbirnen ausgewechselt hat, meldet sich bitte bei der Schreyhalsredaktion; danke.)

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