Schreyhals 43 – Nie mee Nati B!

Schreyhals 43 – Nie mee Nati B!

FC BASEL 1893 – GCZ, 27. APRIL 2014

VON FISCHLI, KNUP, GUSTI UND DIDI

Der langjährige Sportreporter und Fussballfan Daniel Schaub blickt auf die Zeit zwischen Abstieg 1988 und Aufstieg 1994 zurück. Schaub arbeitete unter anderem für die Basellandschaftliche Zeitung und die Basler Zeitung. Im Frühjahr 2005 war er an der Lancierung des Schweizer Fussballmagazins «rotweiss» beteiligt, wo er auch heute noch als Chefredaktor tätig ist.

Wer aufsteigen will, muss irgendwann auch einmal abgestiegen sein. Und so war es natürlich auch beim FC Basel. Ich bin ein Kind der «Zwischengeneration». Von den grossen Erfolgen unter Helmut Benthaus und Karl Odermatt wusste ich nur vom Hörensagen. Einmal sass ich mit meinem Vater und Paul Fischli in einem Restaurant, aber die Bedeutung war mir nicht so richtig bewusst. Und Fischlis beste Zeiten beim FCB waren wohl zu jenem Zeitpunkt schon Vergangenheit. Aber immerhin war ich so beeindruckt, dass ich diese Erinnerung fürs Leben abspeichern konnte.
Als ich erstmals ins Stadion ging, war das Basler Fussballleben längst viel komplizierter geworden. Helmut Benthaus kam zwar noch einmal zurück, doch wahrscheinlich war das keine gute Idee im Jahr 1984. Die Sehnsucht nach den Erfolgen der alten Zeit lässt sich selten mit den alten Methoden stillen – nicht einmal mit einem so verdienten Mann wie Benthaus, der dem FC Basel zwischen 1967 und 1980 sieben Meistertitel in 13 Jahren beschert hatte.
Nachdem Benthaus nicht zaubern konnte und der Verein finanziell am Boden war, begann die Ära eines gewissen Urs Siegenthaler. Dieser hatte noch selbst unter Benthaus gespielt und schien nun der richtige Mann, mit null Franken und null sportlichem Kredit das Unmögliche möglich zu machen. Siegenthaler ist heute ein gemachter Mann – er scoutet für den Deutschen Fussball-Bund auf höchster Ebene, und er wird nicht all zu gerne an jene tristen Zeiten erinnert, in denen er mit dem, was der dünne Basler Geldbeutel und die damals noch nicht sehr führende eigene Nachwuchsabteilung hergaben, den Klassenerhalt schaffen sollte.
Es war ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war. Es gab zwar Talente wie Adrian Knup (den ich nach seinem ersten NLA-Spiel im Frühjahr 1986 auf einem Ledersofa bei einem Ausseneinsatz des damaligen Lokalsenders Radio Raurach vor dem Theater Basel interviewen durfte), Peter Nadig oder Dominique Herr, doch die waren noch zu unerfahren, um die Sache zu bügeln. Und bis auf den ehemaligen Bundesliga-Profi Uwe Dittus, der auch schon gegen die 30 lief, hatte kaum ein Spieler überdurchschnittliches Niveau. Die Mannschaft, man muss es so sagen, hatte schlicht nicht die Qualität, um in der NLA bestehen zu können.
Die Spieler des FC Basel waren damals keine Profis mehr, das Budget gab so etwas nicht her. Gustav Nussbaumer, so wurde die Legende herumgereicht, hielt bei Grümpelturnieren nach möglichen regionalen Talenten Ausschau, was natürlich gequirlter Unsinn war. Doch der schon damals als «Mann für alle Fälle» für den FC Basel wirbelnde «Guschti» hatte wenig Spielraum, nicht nur wegen der Finanzen, sondern auch wegen Lizenzauflagen, die es damals schon gab und die dem FC Basel ein enges Transferkorsett auferlegten.
Legendär war in jener Zeit eine Pressekonferenz des damaligen Präsidenten Peter Max Sutter in der ehemaligen Schlotterbeck-Garage bei der Viaduktstrasse. In einem stickigen Nebenraum, der hoffnungslos mit Pressemenschen überfüllt war, kündigte der Vereinsvorsitzende das Ende des traditionsreichen FC Basel an. Sollten nicht innerhalb einer Woche zwei Millionen Franken aus dem Nichts auftauchen, sei der FC Basel nicht mehr zu retten. Die zwei Millionen kamen so wenig wie das Ende. Irgendwie geht es beim FC Basel immer weiter. Aber es war auch klar, dass der rot-blaue Traditionsclub wenige Jahre vor seinem 100-Jahr-Jubiläum an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Er hatte sich hoffnungslos übernommen und (fast) jeden Kredit verspielt.
Urs Siegenthaler machte, was er konnte. Doch die Sache war schnell einmal hoffnunglos. In jener Saison 1987/88 gingen die ersten fünf Spiele gleich verloren, eines davon mit 1:9 gegen Neuchatel Xamax, das damals über ein Vielfaches der finanziellen Mittel und damit auch sportlicher Qualität mit sich führte als der FC Basel. Es gab auch einige wenige Siege wie ein 5:4 zuhause gegen den FC Zürich, der auch auswärts mit 4:0 bezwungen wurde. Allein, der FC Zürich machte sportlich eine ähnliche Krise durch wie der FCB und war am Ende der Qualifikation in der 12er-Liga sogar noch hinter den zweitletzten Baslern klassiert.
Die NLB war damals noch in zwei Hälften geteilt, eine Ost- und eine Westgruppe mit je zwölf Teams. Die Auf-/Abstiegsrunde gabs ebenfalls in zwei Gruppen, von jeweils acht Teams hatten am Ende die zwei besten ihren Platz in der NLA auf sicher. Die Basler begannen nicht schlecht, gewannen gegen Etoile Carouge, in Bulle und gegen Malley mit drei Siegen, doch dann gings abwärts, selbst gegen die Old Boys, die etwas voreilig plötzlich Ambitionen auf die Nummer 1 in der Stadt anmeldeten, gabs zweimal nur einen Punkt. Spätestens mit der 0:2-Heimniederlage gegen die AC Bellinzona waren die Chancen des FCB nur noch theoretisch, die 2:3-Niederlage in Wettingen besiegelte dann den Abstieg nach 42 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit zur höchsten Spielklasse.
Urs Siegenthaler betreute das Team des FC Basel auch noch in den ersten beiden NLB-Saisons 1988/89 und 1989/90. Doch die Zeichen standen schnell einmal nicht auf baldigen Wiederaufstieg – und die finanziellen Probleme begleiteten den Club. Eine beispiellose Solidaritätsaktion half dem Verein mit einer gesammelten Million Franken über die ärgsten Schwierigkeiten. Die Talente Knup, Nadig und Herr hatten den Club nach dem Abstieg in Richtung NLA-Vereine verlassen. Der FCB hatte sich unter dem neuen Präsidenten Charles Röthlisberger einen rigorosen Sparkurs auferlegt, für grosse Figuren war da kein Platz. Und, auch wenn das manchmal in der Erinnerung vieler etwas verblendet dargestellt wird: nein, das «Joggeli» war nicht bei jedem Grottenkick gegen den FC Glarus oder den FC Emmenbrücke bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle, die heute behaupten, sie hätten dem FC Basel auch in der NLB stets eisern die Treue gehalten und seien selbst zu den Auswärtsspielen in Chatel-St-Denis angereist, die verwechseln entweder die Realität mit ihrer Zeitungslektüre – oder sie schummeln ein wenig mehr.
Es versuchten sich in der Folge viele Trainer am Projekt «Rückkehr ins Oberhaus», doch ob sie nun Siegenthaler, Ernst-August Künnecke (in Anlauf 2), Karl Odermatt oder sogar Friedel Rausch hiessen, alle scheiterten sie – unabhängig von der Lautstärke ihrer Ankündigungen. Tiefpunkt war in der Saison 1990/91 ein 0:4 im Schweizer Cup beim Erstligisten FC Pratteln.
Doch dann kam Claude Andrey, «Didi», ein drahtiger Westschweizer. Er war das krasse Gegenmodell zu Friedel Rausch, der viele Runden lang davon gesprochen hatte, wie gut seine Arbeit und sein Team seien, um dann am Ende schlicht festzustellen: «Die Qualität der Spieler hat einfach nicht gereicht.» Vielleicht, also wirklich nur vielleicht, war aber auch er nicht der richtige Mann. Der Deutsche leistete sich sogar den Luxus, im Trainingslager im Schwarzwald Murat Yakin nach dessen zweitem Gang an die Dessertvitrine als «zu dick» einzustufen und ihn noch am selben Abend abreisen zu lassen. Kurze Zeit später unterschrieb Yakin einen Vertrag bei GC.
Aber eben, nun war «Didi» da. Er sagte nicht viel, eigentlich sagte er nichts, schon gar nicht in den Medien. Die Massen begeisterte sein Fussball nicht, aber eigentlich fand er als Erster das Rezept, wie man mit einer mittelmässig talentierten Mannschaft maximalen Erfolg erreichen könnte. Die Fans, die sich unter Rausch hatten blenden lassen und am Ende doch enttäuscht wurden, mussten nun das eine oder andere ziemlich unspektakuläre Spiel erdulden. Andreys Credo war die gepflegte Abwehrarbeit, nach vorne stürmende Aussenverteidiger waren ihm ein Gräuel, bloss keine Euphorie. Doch die Sicherheit, die sich durch wenige Gegentore gewinnen liess, schien den FC Basel auf den richtigen Weg zu führen. Die Westgruppe der NLB brachte noch Rang 2 hinter Etoile Carouge. Die Genfer waren dann am 3. Mai 1994 auch jener Gegner, der dem FC Basel den Wiederaufstieg bescherte. Auf der Fontenette gabs ein 1:1 – und das reichte. Irgendwie typisch für Claude Andrey, der dann auch gleich in Genf blieb am Abend der Aufstiegsfeier …
Dabei hatte er durchaus talentierte Fussballer im Team. Örjan Berg etwa oder Admir Smajic, Dario Zuffi im Sturm, den jungen Mario Cantaluppi oder Verteidiger Marco Walker, der in der Not die Bälle auf die Tribüne (und angeblich auch einmal drüber) schlug. Axel Kruse war der Spezialgast aus der Bundesliga. Und natürlich gabs auch Massimo Ceccaroni, den Kultrechtsverteidiger, der all die Jahre durch die NLB treu durchgepflügt hatte. Sie alle flogen nach dem 1:1 in Genf mit der Crossair-Spezialmaschine, die Chef Moritz Sutter spontan bereitgestellt hatte, nach Basel zurück – und liessen sich am Flughafen von einigen hundert Fans empfangen. Sie stiegen in Stretchlimousinen, tranken Martini und Schampus, und wurden in ihren Trainingsanzügen zum Barfüsserplatz gefahren. Dort hatten sich ein paar weitere Tausend Fans das Spiel bei einer Liveübertragung von Radio Basilisk akustisch zu Gemüte geführt und warteten nun auf ihre Helden. Der Weg der Aufstiegsspieler führte nicht auf den mittlerweile bekannten Casino-Balkon, sondern auf die Übertragungsplattform von Radio Basilisk. Und natürlich war auch «Telebasel» mit von der Partie, damals noch unter dem klangvollen Namen «Basler Stadtkanal».
Es war das glückliche Ende eines emotionalen Fussballjahrs, dem ersten, das ich in dieser Intensität in meiner unmittelbaren Umgebung erleben durfte. Das Schweizer Nationalteam hatte sich unter Roy Hodgson erstmals seit 28 Jahren wieder für eine WM qualifizieren können (die Ex-Basler Knup und Herr sollten dort zentrale Rollen spielen), der FC Basel zog wieder Zehntausende in seinen Bann – erstmals seit der längst vergangenen Ära Benthaus spürte man in der Region wieder die Magie einer Fussballstadt.
Drei Tage vor dem Spiel in Etoile Carouge war im «Joggeli» alles angerichtet für die grosse Aufstiegsparty. 42 126 Zuschauer kamen am 30. April 1994 zum Spiel gegen den FC Zürich, mit einem Sieg hätten sich beide Teams den vorzeitigen Aufstieg sichern können. Die Stimmung war einzigartig – es war dieses Gefühl, das man nur bei ganz besonderen Spielen durchlebt. Man ist in diesen Momenten emotional ganz nahe, man nimmt jeden Moment mit grossem Genuss auf, es ist alles ungemein dicht, man könnte weinen vor Freude. Und man ist ein Teil dieser unglaublichen Masse. In solchen Momenten spürt man, wie das Publikum tragen kann, wie es einen Faktor darstellt, welche Faszination ein solcher Fussballabend aussenden kann. Selbst auf den alten, hölzernen Pressebänken im «Joggeli» lässt dies niemanden kalt, kann es gar nicht. Es ist das erste Mal, dass diese Intensität jede Faser meines Körpers erfasst.
Doch die Partie, die dem Schweizer Fernsehen eine vierminütige Zusammenfassung mit dem mitreissenden Kommentar von Hans Jucker wert war, endete «nur» mit einem 1:1, Haris Skoro glich neun Minuten vor Schluss die Führung von Mario Cantaluppi aus – ein Partykiller der Extrasorte vor einer Kulisse, die im damaligen Schweizer Fussball seinesgleichen suchte. Die Pressearbeit damals war noch komplett unkanalisiert. Jene Reporter, die da sind, nehmen die Spieler noch auf dem Platz in Empfang und führen erste Interviews. In den engen Katakomben des «Joggeli» gibt es keine Mixed Zone, sondern einfachen Zugang. Ein Interview findet, wenns denn sein muss, auch schon mal in der Kabine statt. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander, doch jeder kennt und findet sich. Der Journalist ist mehr «Mitleidensgenosse» als «feindliches Objekt». Der Dämpfer aus dem Zürich-Spiel wirkt bloss drei Tage. Dann gabs, vor ungleich kleinerer Besuchermenge auf der Fontenette, das sportliche Fest.
Eigentlich hätte der FC Basel in jener Erfolgssaison auch im Final des Schweizer Cups stehen müssen. Doch die ausgeloste Einladung mit NLB-Verein FC Schaffhausen im Hablfinalheimspiel am 4. April 1994 wurde ausgeschlagen. Samir Tabakovic versagten im Penaltyschiessen gegen Goalie Erich Hürzeler die Nerven, Basel schied aus. Den Final verloren die Schaffhauser dann gegen GC unter Trainer Christian Gross und mit dem von Rausch aussortierten jungen Murat Yakin mit 0:4.
«Didi» Andrey war der Aufstiegstrainer des FC Basel – doch mit seiner Art, Fussball zu spielen, hielt die Fussallbegeisterung in Basel in der NLA nicht lange an. Er wurde im Oktober 1995 entlassen, offiziell wegen einer dubiosen Transferbeteiligung, die er sich als Trainer hatte festschreiben lassen. Doch das war nur der Vorwand für die angestrebte fristlose Kündigung – es war mehr die Unzufriedenheit darüber, dass der FC Basel nach dem Aufstieg nicht gleich den Weg nach noch weiter oben fand, die Andreys Ende in Basel beschleunigten.
Von der Aufstiegseuphorie war nach kurzer Zeit wenig übrig geblieben. Es brauchte neuen Schwung, den Rene C. Jäggi 1996 brachte, der aber noch einmal nahe an den finanziellen Abgrund führte. Dank UBS-Zuschussmillionen konnte die schwierige Zeit nach der etwas all zu offensiven Vorwärtsstrategie überbrückt werden. Mit dem Einzug ins neue Stadion begann der einzigartige Höhenflug des FC Basel der Neuzeit, welcher 2002, 22 Jahre nach dem letzten Titel, erstmals wieder an der Spitze der Schweizer Meisterschaft endete. «Didi» Andrey habe ich einige Jahre nach seinem Aufstiegscoup in Basel als Trainer von Etoile Carouge bei einem Spiel auf der Fontenette gegen den FC Concordia Basel noch einmal erlebt. Das war am 6. April 2002. Die Basler gewannen 2:0, Andrey machte einen trostlosen und verlebten Eindruck an diesem regnerischen Samstag. Es war ein fürchterliches Fussballspiel, und auf der umgehend angetretenen Heimfahrt nach Basel wurde ich geblitzt. «Didi» Andrey stieg mit Etoile Carouge am Ende der Saison aus der NLB ab. Von den glanzvollen Aufstiegszeiten in Basel war so ziemlich nichts mehr übriggeblieben. Die Basler Entwicklung zum erfolgreichsten Schweizer Fussballclub des neuen Jahrtausends fand fernab von «Didi» Andrey statt

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