Schreyhals 34

Schreyhals 34

5. FEBRUAR 2012, FC BASEL 1893 – FC Sion

Die Züge einer Lüge

Schweizer Fussballfans richten in den Extrazügen jährlich 3 Millionen Franken Schaden an. Zumindest haben das die SBB stets so suggeriert. Jetzt belegt jedoch ein internes Dokument: Die eigentliche Schadenssumme war in der Saison 09/10 zehnmal geringer. Und Hochrechnungen für die abgelaufene Saison ergeben, dass die kolportierten 3 Millionen inzwischen sogar dreissigmal zu hoch sein dürften.

Im vergangenen Sommer überboten sich die Schweizer Medien gegenseitig in ihrer Empörung über die in den Extrazügen vermeintlich ungehemmt randalierenden Fussballfans. Von «zertrümmerten Lokomotiven» berichtete das Schweizer Fernsehen. Der «Tages-Anzeiger» meldete, dass Vandalen in der Saison 09/10 Schäden rund 3 Millionen Franken angerichtet hätten. Eine Zahl, die von allen anderen Journalisten übernommen wurde. Und die Pressesprecher der SBB? Die nickten diese Schauergeschichten ohne mit der Wimper zu zucken ab.

«Wir haben Schäden praktisch jedes Wochenende. 3 Millionen Franken Schäden in der abgelaufenen Saison alleine. Wir wollen das unseren Kunden und unseren Mitarbeitern nicht mehr länger zumuten.»

Jetzt belegt jedoch ein internes Dokument der SBB: Der eigentliche Sachschaden betrug weniger als ein Zehntel! Die «Schadenssumme» an den über 200 Extrazügen, die Fans von Basel, Zürich, Luzern, St. Gallen, GC und den Young Boys in der Saison 09/10 benutzten, lag gemäss dem uns vorliegenden Papier bei lediglich 225 503 Franken und 65 Rappen.

«Schäden jedes Wochenende»

Laut eigenen Angaben wenden die SBB für Fanextrazüge jährlich 4,5 Millionen Franken auf. 1,5 Millionen sind betriebliche Selbstkosten, die durch den Billettverkauf gedeckt sind. Bleiben 3 Millionen sogenannte «ungedeckte Kosten», die die SBB im Zusammenhang mit Fanextrazügen seit Längerem kommunizieren und die in den Medien als «Schäden» gelten. Auf Nachfrage teilten die SBB jetzt mit, diese 3 Millionen setzten sich zur einen Hälfte aus Kosten für Begleitung und Sicherheit, zur anderen aus Aufwendungen für Zusatzreinigungen und Behebung von Sachschäden zusammen. «Es spielt für uns keine Rolle, wie viele Franken in der medialen Berichterstattung welcher Ursache zugeordnet werden – es sind schlicht und einfach 3 Millionen Franken zu viel an unnötigen Ausgaben für die SBB», hält SBB-Sprecher Reto Kormann fest.
Im Mai 2010 sagte Kormann in der Sendung «10 vor 10» jedoch noch Folgendes: «Wir haben Schäden praktisch jedes Wochenende. 3 Millionen Franken Schäden in der abgelaufenen Saison alleine. Wir wollen das unseren Kunden und unseren Mitarbeitern nicht mehr länger zumuten.»

Die Suche nach Ausflüchten

Auf die im SBB-Papier festgehaltene, viel tiefere Schadenssumme angesprochen, sucht Kormann nun nach Ausflüchten. Diese Zahlen seien mit Vorsicht zu genies­sen. Es handle sich dabei um vom jeweiligen Zugpersonal rapportierten Schäden, für die es buchhalterische Frankenwerte gebe. «Die tatsächlichen Kosten der Reparatur oder des Ersatzes, beispielsweise nur schon der damit verbundene Arbeitsaufwand oder verborgene Schäden, sind darin nicht enthalten.». Mit anderen Worten: Kormann will glaubhaft machen, die SBB-Mitarbeiter würden bei ihren Inspektionen möglicherweise einen Grossteil der Schäden gar nicht entdecken. Und dass die effektiven Reparaturkosten viel höher ausfallen könnten, als von den Fachkräften vor Ort budgetiert …
Aber selbst wenn die Schadenssumme 2009/10, sagen wir, doppelt so hoch ausgefallen wäre, wie von den SBB-Mitarbeitern festgehalten, haben die medial transportierten 3 Millionen Franken mit der Realität nichts zu tun.

SBB-Präsident gibt Zahlen zu

Dass die eigentlichen Sachschäden bloss einen Bruchteil der öffentlich gehandelten 3 Millionen ausmachen, bestätigt ausgerechnet der SBB-Verwaltungsratspräsident. Ulrich Gygi ist nämlich nicht nur der oberste Bähnler, sondern sitzt auch im Beirat der Young Boys. Dort hatte er einen Fanvertreter mit den jährlichen Sachschäden in Millionenhöhe konfrontiert, worauf dieser den SBB-Präsidenten über die Zahlen im internen Bericht aufklärte.
Kurz darauf meinte der nun über die wahren Fakten informiere Gygi in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung», dass die 16  000 Fans, die YB in der Saison 2010/11 zu Auswärtsspielen begleiteten, einen Gesamtschaden von 13 000 Franken angerichtet hätten, was er selber für «nicht viel» hält. Gleichzeitig meldete Gygis Club YB, dass sich die Schadenssumme in der abgelaufenen Spielzeit im Vergleich zum Vorjahr halbiert habe. Daraus lässt sich errechnen: Die in der Saison 09/10 von YB-Fans angerichteten Schäden müssten rund 26 000 Franken betragen haben.
Vergleicht man diese Zahl nun mit dem erwähnten SBB-Papier, wird ersichtlich, dass die dort für YB eingetragene Schadenssumme für die Saison 09/10 mit 27 056 Franken tatsächlich rund dem Doppelten der von Gygi angegebenen Summe für die Saison 10/11 entspricht. Das bedeutet: Die Zahlen, mit denen SBB-Präsident Gygi operiert und an die Öffentlichkeit geht, stammen exakt aus jenen Berechnungen, deren Aussagekraft die SBB-Medienstelle wiederum relativieren möchte!
2009/2010 bewegte sich YB mit diesen 27 056 Franken im unteren Mittelfeld. Geht man nun davon aus – und etwas anderes bleibt einem mangels offizieller Zahlen ja nicht übrig – dass sich dies auch in der letzte Saison so verhalten hat und sich die Situation bei den anderen Vereinen ähnlich entwickelt hat, ergibt sich für die sechs involvierten Vereine ein Schadenstotal von knapp 100 000 Franken. Das sind dreissigmal weniger als die 3 Millionen, welche die SBB bis jetzt noch nie dementiert haben.

Transportpflicht aushebeln

Es lohnt sich an dieser Stelle vor Augen zu führen, woher die «ungedeckten Kosten» von 3 Millionen Franken, von denen die SBB im Zusammenhang mit den Extrazügen immer sprechen, überhaupt stammen. Zu einem Grossteil sind sie die Folge einer Politik, die sowohl von den Bundesbahnen als auch von Fans und Fanarbeitenden aller Vereine begrüsst wird. Weil die Fans von den Regelzügen ferngehalten und «ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kundengruppen im Zug und auf den Bahnhöfen» vermieden werden soll, locken die SBB die Fussballreisenden mit stark vergünstigten Tickets auf die Extrazüge. Die günstigen Tickets sind einer der Hauptgründe für die «ungedeckten Kosten». Gleichzeitig verhindern sie einen zwar kaum quantifizierbaren, letztlich aber mutmasslich viel grösseren Schaden: Dass sich nämlich Fans unangemeldet zu Hunderten in die Regelzüge begeben. Bei vielen Vereinen sind im Bereich Extrazüge gros­se Fortschritte erkennbar, mutwilliges Beschädigen von Rollmaterial gibt es immer seltener. Diesen Trend bestätigen selbst die SBB-Verantwortlichen an den regionalen Treffen. Verlangt man aber konkrete Zahlen, winkt die SBB ab. Claudius Schäfer, der als CEO der Swiss Football League im Vorstand von Fanarbeit Schweiz sitzt und regelmässig an den Sitzungen mit Fanarbeitende und einem SBB-Verantwortlichen teilnimmt, bestätigt, dass von den Vereinen viel Positives zu hören sei: «Das können wir jedoch nicht kommunizieren, weil uns die genauen Zahlen fehlen, mit denen wir die Fortschritte belegen könnten. Diese Situation ist für die Liga sehr unbefriedigend.»
Doch warum gibt sich die SBB bedeckt, wo es doch einen für alle ermutigenden Trend zu belegen gäbe? «Wir machen die Zahlen nicht publik, weil wir keinen ‹Hooligan-Wettbewerb› der angerichteten Sachschäden provozieren wollen», erklärt SBB-Sprecher Kormann.
Fans und Fanarbeitende bemühen sich zum Teil seit Jahren um eine gute Zusammenarbeit mit dem Bahnpersonal, erinnern auf Flugblättern die Mitreisenden an ihre Mitverantwortung und durchkämmen mit Abfallsäcken die Abteile. Bestünde ein Interesse an einer Vandalismusmeisterschaft, hätte sie schon längst begonnen, denn die Fanszenen der einzelnen Vereine erfahren auch ohne die Zahlen der Bundesbahnen, wenn auf anderen Zügen Gravierendes vorfällt.
In der Frühjahrssession wird im Parlament der Wunsch der SBB nach Aufhebung der Transportpflicht behandelt. Das Unternehmen im Dienst der Öffentlichkeit will nicht länger Personengruppen befördern müssen, die Woche für Woche, Jahr für Jahr angeblich «ganze Lokomotiven zertrümmern». Die ungedeckten Kosten sollen per Gesetz auf die Vereine abgewälzt werden, die für ihre Fans in Zukunft Züge chartern und entsprechend haften sollen. Die SBB, im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen, will sich aus Kostengründen der Pflicht zum Fantransport entledigen, und 3 Millionen Franken an Sachschäden jährlich wären hierfür ein gutes Argument. Ob aber dreissigmal weniger auch noch reichen für einen weiteren Schritt weg vom Service public?

 

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