Schreyhals 33

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3. DEZEMBER 2011, FC BASEL 1893 – FC Luzern

Vom Bedürfnis nach Feuer und Feind

Im vergangenen Sommer eskalierte ein Streit zwischen der Irischen Republik und dem Vatikan. Irlands Ministerpräsident Enda Kenny warf Rom vor, die Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche Irlands jahrelang sabotiert zu haben. Kenny legte dabei ein für Irland historisches Bekenntnis ab: «Ich bin in erster Linie Bürger und erst in zweiter Linie Katholik.» Die Aussage warf hohe Wellen. Keiner von Kennys Amtsvorgängern im streng katholischen Irland hatte es je gewagt, den Stellenwert der Religion so deutlich zu relativieren. Kenny aber tritt nun entschieden dafür ein, dass Untaten bestraft werden müssen, egal, welchen Schaden die Kirche dadurch erleidet. Er hat sich damit von Rom emanzipiert und stellt sich in den Dienst einer allgemeinen, nicht von Partikular­interessen gesteuerten Moral – in den Dienst der Gesellschaft.

In diesen lauten Herbsttagen des Jahres 2011 reissen die Diskussionen über Fussball und Fans nicht ab. Und wer sich regelmässig in Stadien aufhält und gar ab und zu darüber schreibt, wird zur Zielscheibe von Fragen und Vorwürfen. Dabei ist eines zu beobachten: Es gibt zahlreiche Leute, denen die Berichterstattung zu Fan-Themen suspekt ist, es gibt Zahlreiche, die Differenzierung fordern und selber differenzieren und Zahlreiche, denen die mediale und politische Nulltoleranz-Rhetorik Furcht einflösst.

Was Aussenstehende von einer Solidarisierung mit Fussballfans abhält, ist der auch bei grösstem Wohlwollen nicht erkennbare Nutzen für die Gesellschaft.

Es gibt aber niemanden, der hinsteht und sagt: Die Fans sind gut, so wie sie sind, und was sie tun ist wichtig und verdient Respekt. Das höchste Lob, das zu den Fanszenen in diesem Land zu hören ist, lautet: «Sie sind nicht so schlimm, wie es dargestellt wird.»
So sehr Jugendbewegungen und Subkulturen in den vergangenen Jahrzehnten auch die Gesellschaft provozierten und die Polizei vor Probleme stellten, es fanden sich immer Exponenten aus Wissenschaft, Kultur oder Politik, die Partei ergriffen für die Jungen und ihre Anliegen, hiessen die nun AJZ, ASG oder «Freie Sicht aufs Mittelmeer». Es gab immer Leute, die erkannten, dass hier Altes infrage gestellt und Neues ausprobiert wurde – dass sich etwas tut. Im Zusammenhang mit Fussballfans aber herrscht die grosse Stille.
Hier kommt nun Enda Kenny ins Spiel. Was Aussenstehende von einer Solidarisierung mit Fussballfans abhält, ist der auch bei grösstem Wohlwollen nicht erkennbare Nutzen für die Gesellschaft. Fans fühlen sich in den Augen nahezu aller – ob Repressionsfetischisten oder echte Liberale – einzig und allein sich und ihrer Glaubensgemeinschaft verpflichtet, dem Verein und der Kurve. Das geht soweit, dass sie einen Referendumsversuch gegen ein neues, Fan-feindliches Gesetz abbrechen müssen, weil ihnen das Ausrasten nach einer entscheidenden Niederlage gerade wichtiger erscheint. Mainz-05-Manager Heidel sagte dazu unlängst in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Das Merkwürdige an den Aus­einandersetzungen zwischen Ultras ver­schiedener Vereine ist: In vielen Dingen im Kampf um das Bewahren ihrer Fußballkultur sind sie einer Meinung. Und trotzdem hauen sie sich dann bei anderer Gelegenheit die Köpfe ein.»
Es ist bekannt: Abgrenzung schweisst zusammen, ein gutes Feindbild ist Gold wert. Das weiss auch die SVP, die sich seit Jahren erfolgreich gegen «das Andere» definiert. Doch ist das die Legitimation, die man sucht? Im Gespräch mit Fans aller möglichen Vereine hört man oft, lokalpatriotisch und chauvinistisch aufgeheizte Rivalitäten gehörten seit jeher zum Fussball, das liesse sich nicht ändern. Das mag stimmen, es offenbart aber eine reaktionäre Tendenz, die man überall vermuten würde, nur nicht in der grössten und lebendigsten Subkultur.
Die Probleme, über die wir heute im Zusammenhang mit Fussballfans diskutieren, entstehen etwas verkürzt gesagt zum allergrössten Teil aus drei offenbar dringenden Bedürfnissen: jenem nach Prügeleien mit gegnerischen Fans, jenem nach Feuerwerk und jenem, beim Stillen der beiden erstgenannten Bedürfnisse möglichst in Ruhe gelassen zu werden. Dieser Bedürfniskatalog ist nun aber nicht wirklich dafür geeignet, bei irgendeiner Instanz damit auf Verständnis zu stossen. Im Gegenteil. Im Kanton St. Gallen wurde soeben eine Frau mit einem Glanzresultat in den Ständerat gewählt, die sich fast ausschliesslich über den Kampf gegen die Bedürfnisse von Fussballfans definiert. Für viele aufgeklärte, differenzierte Leute hört damit der Spass auf.

Pascal Claude veröffentlicht seit 1997 unter dem Titel «Knapp daneben» Fussballtexte, u.a. im gleichnamigen Fanzine (1997–2004), in der Kolumnen-Sammlung «Aus den Randgebieten des Fussballs» (2009) und im Blog ­knappdaneben.net.

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