Schreyhals 18

Schreyhals 18

FC Basel 1893 – Fc Aarau, 4. Dezember 2008

Du warst lange da, doch du wirst immer sein

Woran denkst du, wenn du ans Joggeli denkst? Denkst du an das weite Rund? An die alte Tribüne? An den kalten Charme des Betons? An die Legenden, welche bekanntlich länger leben? An den viel beschworenen Geist von St. Jakob? Hast du noch Gerüche aus dem Joggeli in der Nase? Oder denkst du an etwas ganz anderes?

Ein Stadion – eine Geschichte
Vor einiger Zeit, nach einem langen Abend, unterhielt ich mich mit einem alten Bekannten über den FCB, Fussball, die Vergangenheit und Zukunft, die Fans, wie es war und wie es doch sein könnte oder sein sollte. Ich fragte ihn, was er denke, ob wir uns als Fans und mit uns die Basler Fanszene, auch so entwickelt hätten, wenn das Joggeli nie abgerissen worden wäre?
„Weisst du was?“, antwortete er, „ich würde alles dafür geben, wenn ich jetzt und heute mit dir – oder jemand anderem – noch einmal in dieses Stadion gehen könnte. Wenn ich mich nochmals dort hinsetzten könnte, mit dir ein Bier trinken und wir diesen Moment auf uns einwirken lassen könnten.“ Ich schluckte leer bei diesem Gedanken – was soll man dazu sagen? Ein etwas müdes, trauriges Lächeln muss ich wohl aufgesetzt haben, damals spät am Abend. Ich liess meine Gedanken wandern, kam mir vor wie in „Ein Land vor unserer Zeit.“ Die Bilder liefen wie ein Film vor meinem Gesicht durch.

Adieu Joggeli
Es war ein kalter Nachmittag im Dezember 1998, ein Sonntag. Damals hatte ich noch kein Natel, hätte nie daran gedacht, je eines zu haben und auch keine e-Mail- Adresse. Das Internet war sowieso noch langsam und bestand nur aus Alta Vista. Nie hätte ich daran gedacht, einmal mit dem FCB in der Championsleague zu spielen – das war damals Ajax, Real und Milan. Vielleicht, wenn alles mal gut geht, in ein paar Jahren den Titel holen. Einmal auf dem Barfi stehen und diesen goldenen Becher in den Händen eines FCB-Captains zu sehen – mehr konnten (und wollten) wir uns damals nicht erträumen. An diesem Abend stand ich auf dem Spielfeld herum, wie so viele andere Fans, die über den Zaun geklettert sind und sich ein Erinnerungsstück sichern wollten. Das Spiel gegen Lugano ging verloren, der Schiri war schuld – mit Sicherheit. Über eine Leinwand liefen die emotionalsten Momente und eine bescheuertes Lied. Rund um das Feld brannten Fackeln – die damals übrigens der FCB bezahlt hat.
Alle, die an diesem Sonntag ins Joggeli pilgerten, wussten, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie sich in diesen Mauern bewegen. Der FCB hatte eine packende Hinrunde gespielt, man kratzte zum Teil sogar an der Tabellenspitze, lag auf Platz zwei. Man konnte plötzlich eher nach oben, in Richtung UEFA-Cup-Plätze, blicken statt nach unten, zum ominösen Strich. Vor der Saison gab man der Mannschaft kaum Kredit – einige Zeitungen setzten den Fast-Absteiger auf Platz 11, nach der Qualifikation war grüsste man von Rang 5. Doch wäre das nicht jedem Fan egal gewesen, im Wissen, dass er hier und heute, das Joggeli zu Grabe tragen musste? Was überwog wohl, der Schmerz des Abschieds oder die Freude auf das Neue, Unbekannte?
Als ich an jenem Sonntag im Dezember 1998 zum Joggeli fuhr (etwas angeschlagen zwar, doch was ist schon eine Grippe gegen diese innere Verpflichtung mir selbst gegenüber), wusste ich, dass ich jeden Moment in mich hineinsaugen musste. Ich ging, vorbei an den Kassenhäuschen, durch die massiven, grünen Metalltore, in diesen dunkeln Gang. Dort wurde man kontrolliert, musste den Rucksack öffnen und durfte dann weiter. Damals machte ich mir noch keine Sorgen, wo ich mein Gras verstecken sollte – ich schaute mir die Spiele noch nüchtern an. Ging die Treppe hoch, etwa 12 oder 15 Stufen, vielleicht auch mehr, einfach möglichst schnell, dort hin, wo es wieder Licht hatte. Der Blick reichte hinunter auf die Garage, ein paar Bäume wuchsen, ein schmaler, ganz leicht ansteigender Weg führte zur nächsten, kleine Treppe. Zwei Schritte und man war da – in der Muttenzerkurve, sah in das weite Rund, auf den Rasen, auf die Tribüne, den Bahndamm, zu den Geleisen, zum Totomat, zur Abwartswohnung. Die Baracke in der das Klo war und die Samariter- Flagge hing. Ich setzte mich wie immer vor dem Spiel auf die Treppe, etwas links vom „harten Kern“, damals für mich riesige Männer meistens mit Bomberjacken und von einer Aura voller Gefährlichkeit umgeben. Ich schaute auf den Rasen und wie die Leute langsam das Stadion füllten.
Es ging wohl allen gleich an diesem Tag – eine Art Beerdigung fand statt, jedoch mit der Gewissheit, dass wenn der Verstorbene unter der Erde ist, etwas Neues aufgebaut wird. Ich wollte nicht weg von hier – hätte gerne die Zeit angehalten, so wie ich mich als Kind in der Ferienwohnung versteckte, bevor wir nach Hause fahren mussten. Wohl hat noch so mancher gestandene Mann an diesem Nachmittag die eine oder andere Träne verdrückt. Im Laufe der Zeit sollten es noch mehr werden.
Eigentlich lächerlich – wegen ein paar alten Mauern, ohne Komfort, ohne Schutz vor Regen und Wind, ohne Möglichkeit zu professioneller Vermarktung und somit auch nie auf Erfolg. Viele warteten sehnlichst auf die Eröffnung des neuen Stadions. Die zwei Jahre auf der Schützenmatte waren mühsam, am Anfang ging ich gar nicht hin, wegen Jäggis Preispolitik! Endlich zurück, endlich wieder ins Joggeli – oder das, was an dem Ort, wo das Joggeli gestanden hatte, hingestellt wurde.

Es bleibt was gut war
Mit dem alten Joggeli starb ein Stück Geschichte – Fussballgeschichte, aber auch viele Geschichten von Einzelnen, den Helden des Alltags sozusagen. Dieses Stadion begleitete mich auf einem Stück meines Weges, wie viele andere auch. Doch es hinterliess Spuren – bei jedem, ganz sicher. Es war das erste „alte“ Stadion in der Schweiz, welches ausgedient hatte – zugunsten einer modernen Fussballarena. Das Neue musste ja schon etwas Besonderes werden, schliesslich stammte es aus der Feder von Herzog & de Meuron. Jene versprachen einst, nur dieses eine einzige Stadion zu bauen, nur dieses eine, hier in Basel, ihrer geliebten Heimatstadt und danach nie mehr eines, denn das Joggeli sei und bliebe einzigartig. So einzigartig das Alte war, so einzigartig soll auch das Neue werden – schworen sie. Tatsächlich bauten sie nie wieder ein Stadion, mit Ausnahme desjenigen in Bern, München und Peking und wer weiss, wer die Beiden noch alles beauftragen wird. Wir haben unseren Fussabdruck im alten Joggeli gelassen, während das Joggeli auch bei uns etwas hinterlassen hat. Viele Erinnerungen, gute, schlechte, einzigartige, unvergessliche.
Wir müssen diese Geschichte hinter uns und die Erinnerungen lebendig lassen. Vieles konnte ich nicht selber erleben, meine Geburt fand zu einem späteren Zeitpunkt der Geschichte statt. Gerne hätte ich Pink Floyd gesehen hier oder die Stones (auf ihrer ersten offiziellen Abschiedstournee). Meine Eltern erzählen mir vom legendären Cuphalbfinal gegen Lugano mit den 52‘000 oder vom Europacupfinale Fortuna gegen Barca. Wie gerne würde ich heute, mit dir, alter Kollege, ins Joggeli zurück gehen. Nochmals dort hin sitzen, ein Bier trinken, ein bisschen reden. Wenn dann die Leute kommen würden, und wir mit ihnen aufstehen und anfangen würden zu singen.
Wir singen heute an einem anderen Ort. Nicht alles ist besser geworden, aber vieles anders. Behaltet euer altes Joggeli am Leben – und lebt heute mit dem FCB!

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