Schreyhals 40

Schreyhals 40

1. SEPTEMBER 2013  FC BASEL 1893 – yb

Das Hooligan-Konkordat gibt es nicht

Das Hooligan-Konkordat gibt es nicht! Erstens, weil dieses juristische Konstrukt «Konkordat über Massnahmen gegen die Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen» heisst. Zweitens wäre ein Konkordat gegen Hooligans auch völlig sinnlos angesichts der verhältnismässig tiefen Anzahl gewaltbereiter Sportfans von maximal 2400 (Quelle: fedpol 2012). Verglichen mit den Mitgliedern von Sekten, radikalen Freikirchen oder Leuten, die besoffen Auto fahren, ist diese Zahl klein. Und zur Bekämpfung ebenjener Gruppen gibt es schliesslich auch keine Konkordate.

Dennoch zeigt sich im Rahmen kantonaler Volksabstimmungen eine zunehmende Zustimmung, ja schon fast unreflektierte Begeisterung, für ebendieses sogenannte Hooligan-Konkordat. Trotz der hierzulande erwiesenermassen tiefen Anzahl Hooligans und der nicht so hohen Bedeutung des Spitzensports. Wir Fussballfans müssen uns darauf einstellen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das verschärfte Konkordat schweizweit eingeführt ist – Beschwerden hin, Referenden her.

Zeitreise der Angst
Warum ist das so, fragt man sich. Nach meiner Vermutung hat es mit der Angst zu tun. Die Schweizer haben Angst. Sie hatten es schon immer und sie wünschen sich nichts mehr, als eine Mutter Helvetia, die sie beschützend zur Brust nimmt. Machen wir eine Reise durch die Geschichte dieses Landes.
Wilhelm Tell erschoss Landvogt Gessler, weil er Angst um seine Freiheit hatte. Die Sage von Tell schrieb Schiller lange vor der Gründung des Bundesstaates Schweiz. Diese erfolgte 1848 nach einem dreiwöchigen Bürgerkrieg. Es kämpften die katholisch-konservativen Kantone gegen die liberal-protestantischen. Der Grund für den Krieg lag in der Angst, welche die einen vor den anderen hatten. Es war die letzte kriegerische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden – abgesehen von den «kriegsähnlichen Zuständen» um unsere Fussballstadien, von denen man immer wieder liest.
Das Land wurde zunehmend industrialisiert; wer nicht mehr Bauer war, arbeitete in der Fabrik und musste dort teilweise unter gefährlichen Umständen Schwerstarbeit verrichten. Nach der Jahrhundertwende kam der 1. Weltkrieg. Die Schweiz blieb neutral, hatte aber verständlicherweise Angst und zog ihre Soldaten ein. Auch nach dem Krieg hatten die Schweizer Angst. Die Reichen hatten Angst davor, dass die Arbeiterklasse ihnen ihre Besitztümer wegnehmen und sie zum Teufel jagen würden – wie es Russland geschah. Die Arbeiter ihrerseits mussten sich fürchteten, bei Streiks und Demonstrationen von der Armee erschossen zu werden.
In den 20er-Jahren ging die Weltwirtschaft immer weiter den Bach runter, und nach dem Börsencrash von 1929 wurde die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut akut. Mehr als verständlich ist, dass die Menschen in der Schweiz sich in den folgenden Jahren fürchteten, ebenfalls vom Schrecken des 2. Weltkrieges betroffen zu sein. Die Erleichterung muss unendlich gewesen sein, als am 8. Mai 1945 im ganzen Land die Kirchenglocken läuteten – der Krieg war vorbei.
Doch kaum hatte das kleine Land diese schlimme und angstvolle Zeit überwunden, drohte bereits neues Ungemacht. Der Kommunismus machte sich in Osteuropa breit und aus lauter Angst davor, rüstete die Schweiz eine Armee auf, wie sie kein anderes Land weltweit hatte. Doch genützt hat es nichts. Sie musste zwar nie eingesetzt werden, aber in den 60er-Jahren kamen neue Gründe zur Angst hinzu: Atomkrieg, Kuba­krise, Einwanderung, Hippies, 68er-Unruhen, Vietnamkrieg und Terroristen aus dem nahen Osten und sogar dem nahen Ausland.
Aus lauter Angst davor haben die Schweizer angefangen, sich gegenseitig zu beobachten und zu denunzieren. Der Staatsschutz sammelte bis 1989 Daten, wer mit wem und mit welcher Zeitung – bloss weil man Angst vor einem Umsturz hatte. Der Wohlstand stieg dabei von Jahr zu Jahr. Man baute sich ein Häuschen im Grünen, legte sich aber aus Angst einen Luftschutzkeller an. Und aus Angst, dass mit diesem irgendetwas nicht stimmen könnte, machte der Zivilschutz jedes Jahr Kontrollen. In den 80er-Jahren blieb fast alles wie es war. Man hatte Angst vor Drogen und AIDS, vor Tamilen und Türken, Waldsterben und saurem Regen.
Als 1989 die Mauer fiel, hätte alles so schön werden können: Doch schon bald globalisierte sich die Welt, und die bis anhin stetig wachsende Industrie wanderte langsam ins Ausland ab. Die Jugendlichen hatten Angst, keine Lehrstelle zu finden, die Erwachsenen, dass sie deshalb nur noch kiffen würden. Man fürchtete sich vor fremden Vögten und noch immer vor Fremden aus der Fremde. Mit der Ausbreitung des Internets boomte die Weltwirtschaft wieder. Doch kurz nach der Jahrtausendwende musste man sich schon wieder fürchten, diesmal vor dem islamischen Terrorismus. Seit 2001 ist auf der Welt nichts mehr, wie es war.

Weil die bisherigen Massnahmen gegen die gewaltbereiten Fans noch immer nicht gefruchtet haben, müssen neue Massnahmen her.

Warum habt denn ihr so furchtbar Angst vor mir?
Die Menschen in der Schweizer und auf der ganzen Welt haben seit jeher gute Gründe gehabt, Angst zu haben: Nicht nur vor Hitler und Stalin, vor der Natur, vor dem Chef, vor den Eltern, davor, was die Nachbarn denken könnten. Sie haben aber immer wieder Wege gefunden, damit fertig zu werden. Aus Angst vor Armut im Alter hat man die AHV eingerichtet. Wir sind versichert gegen Krankheiten, Unfälle und Invalidität, ebenso wie vor Spitalkosten oder Schäden an unserem Besitz. Wir bezahlen solidarisch in Versicherungen ein, damit wir versichert sind, sollte uns mal was passieren. Wir schliessen Reiseversicherungen ab und werden von der REGA ins Spital geflogen. So müssen wir weniger Angst haben. In der Schweiz können wir ziemlich sicher sein. Wovor fürchten wir uns?

Staat, Fussball, Angst
Wenn wir Staat hören, denken wir an Politik, an Polizei, an Sicherheit. Der Staat organisiert einen Teil unserer Sicherheit. Er sorgt dafür, dass die Feuerwehr kommt, wenn’s brennt, die Sanität bei einem Unfall da ist und die Polizei bei allen anderen Vorfällen. Daneben gibt es weitere Institutionen, zum Beispiel Verwaltung und Gerichte, die für die Einhaltung der Regeln sorgen. Werden sie dennoch gebrochen, so gibt es Gefängnisse und Bussenkataloge, die begangenes Unrecht sühnen sollen. Damit können wir uns fürs erste sicher fühlen.
Für den anderen Teil sorgt jeder und jede selbst, in dem er oder sie eine Krankenversicherung hat und regelmässig Prämien zahlt, sein bzw. ihr Geld auf die Bank bringt, Velo abschliesst oder eine Alarmanlage ins Auto einbaut. Auch dies trägt zu unserem Sicherheitsempfinden bei.
Und dann hat ja jeder seine kleineren und grösseren Ängste. Kleine Ängste wie Angst vor Spinnen, Flugzeugen oder Reptilien behalten wir schön für uns. Da wir aber alle gemeinsam eine Gesellschaft bilden, bilden sich aus der Gesellschaft kollektive Ängste vor kollektiven Bedrohungen, je nach Empfinden. Während sich die einen vor dem internationalen Terrorismus fürchten, wird es anderen beim Gedanken an marode Atomkraftwerke flau im Magen. Es sind also ganz unterschiedliche Themen, die uns verängstigen könnten. In einer Gesellschaft werden diese Themen diskutiert und von Politikern bewirtschaftet. Sei es die Angst vor Minaretten, steigenden Miet- oder Benzinpreisen oder rasenden Autolenkern. Ganz egal, wie sich die Welt noch entwickeln wird –, wir werden immer wieder Gründe finden, Angst zu haben.

Mit der Gratiszeitung an den Onlinestammtisch
Mit dem Internet hat sich die Informations- und Me­diengesellschaft entwickelt. Während der klassische Zeitungsleser eine aussterbende Gattung zu sein scheint, erhält man heute online News sofort, immer, überall und ungefiltert. Wir werden überflutet mit Informationen über alles und jeden. Und damit nicht genug: Interaktiv können wir dies auch noch kommentieren. Am Onlinestammtisch hat man die Möglichkeit sich ENDLICH Gehör zu verschaffen und seine Wut über die Behörden und überhaupt alles herauszuposaunen. Man muss nicht mehr mühsam einen Leserbrief an die Zeitung verfassen und hoffen, dass er dann auch abgedruckt wird und nur eine geringe Anzahl Leser findet. Mit 400 Zeichen kann man die Welt vom eigenen Schreibtisch erobern, während der Stammtisch mit Daumen hoch bzw. runter sein absolutes Urteil fällt.

Am Match
Was haben wir Fussballfans damit zu tun? Die Antwort ist nicht schwer. Wir sind zu einem Politikum geworden. Wir sind ein Thema in der Tagespresse – vor uns muss man sich fürchten. Woher kommt dieser Glaube, dieses Unwissen? Überhaupt, woher kommt das Interesse für uns?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Fussballfans auf einer Auswärtsfahrt schon fast als Stars fühlen könnten. Mit einem eigenen Fahrzeug (Extrazug) und eigenem Chauffeur fahren wir nach Zürich, St. Gallen oder sonst wohin und werden dort von einer riesigen Menge an Sicherheitskräften und Fotografen empfangen.
Die Sicherheitskräfte geben der Bevölkerung jeweils ein Zeichen: «Seid unbesorgt, wir schützen euch.» Die Medien machen Bilder oder informieren über den Verlauf von Fanmärschen oder Ausschreitungen via ­Liveticker – allein die Vorstellung ist absurd.
Über die Rolle der Medien als vierte Gewalt im Staat hat der Schreyhals (vgl. Ausgabe 25) schon berichtet. Sie haben einerseits die Pflicht über Geschehnisse zu berichten. Sie haben aber auch den Anspruch, durch die Informationsschwemme über immer mehr Themen berichten zu wollen. Dadurch erhalten die Medien eine Definitionsmacht; sie können die Welt in Gut und Böse unterteilen. Onlinemedien können innerhalb von kurzer Zeit ein Thema anschneiden. Sie tun das aber zumeist nur auf oberflächliche Art und Weise, so dass beim Leser ein Gefühl vermittelt wird, welches er oder sie aufgreift und bald in seine Meinung integriert. Es ist also nicht verwunderlich, dass wenn dauernd von «randalierenden, pöbelnden Fussballfans» geschrieben wird, dies sehr bald in das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft übergeht.

Huhn oder Ei
Eigentlich sollte es in diesem Text ja um das Hooligan-Konkordat gehen, aber der Autor labert permanent über Geschichte, Sicherheit und Angst oder Medien. Wer hat nun Schuld, dass es das vermeintliche Hooligan-Konkordat gibt? Schaut er nicht auch zuerst vor der eigenen Türe nach? Verleugnet er etwa, dass es beim Fussball effektiv auch mal kracht? Oder sind daran die anderen schuld?
Neben den Medien gibt es einen weiteren Faktor den es zu beachten gibt – die Politik. Das diskutierte Hooligan-Konkordat ist ja eine Weiterführung des BWIS, dem «Bundesgesetz für die Wahrung der inneren Sicherheit». Die Massnahmen des Konkordats basieren auf dem für die Euro 2008 revidierten Bundesgesetz. Für die Europameisterschaft wollte man eine gesetzliche Grundlage haben, um «härter gegen gewaltbereite Fussballfans» vorgehen zu können.
«Fussbalrowdies» kannte man schon früher, wirklich interessiert hatten sie aber nicht. Doch wurde mehr und mehr über sie berichtet – Krawalle, Hooligans, Bengalen, Ausschreitungen, Polizeieinsätze und so weiter.  Nach der EM wurden vor allem die Einsatzkosten der Polizei zu einem immer breiter diskutierten Thema. Mit Karin Keller-Sutter setzte sich eine Frau an die Spitze der KKJPD (kantonale Konferenz der Justiz- und Polizeidirektionen, die Red.) welche die Diskussion mit haarsträubenden Behauptungen entfachte. Stetig zunehmende Gewalt in den Stadien würden immer teurere Polizeieinsätze nach sich ziehen. Familien mit Kindern würden sich deshalb schon gar nicht mehr in die Stadien trauen – vor 20 Jahren sei dies noch ganz anders gewesen. Nachrichten, die wohl jedem Menschen Angst machen würden. Frau Keller-Sutter und ihre Kollegen wollten dies nun ändern. Sie wurde darauf so bekannt, dass sie beinahe in den Bundesrat gewählt wurde und seither eine wichtige Persönlichkeit ist. Ihr Nachfolger Hans-Jürg Käser bläst ins gleiche Horn, und wer weiss, ob er eine ähnliche Karriere hinzulegen vermag wie «KKS». Auf jeden Fall haben er und die KKJPD nicht aufgehört, das Thema zu beackern. Weil die bisherigen Massnahmen gegen die gewaltbereiten Fans noch immer nicht gefruchtet haben, müssen neue Massnahmen hin. Abgeschaut hat die KKJPD dies auf einer Bildungsreise in Holland, Belgien und Deutschland, wo man alles im Griff zu haben scheint.

Wir machen es jetzt auch
Im Wechselspiel mit den Medien wurde es vollbracht. Eine grosse Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat (endlich) Angst vor Fussballfans. Und nicht nur das, sie folgen in sämtlichen Kantonen reihenweise jenen Politikern, die diese Haltung vertreten. Sie versprechen, dass man jetzt «etwas tun» könne gegen diese Störer, Steinewerfer und Schläger. Damit würden die Stadien sicherer werden – ganz sicher!
Die verängstigten Leute hören das, und sie hören und glauben es gerne. Sie wollen sich sicher fühlen. Sicherer als zuvor, noch sicherer. Es bleibt dabei, dass sie Angst haben, vor irgendetwas haben sie immer noch Angst. Mit der Angst kann man erfolgreich sein, in dem man vorgibt, eine Lösung dafür zu haben, ganz egal, wie unsinnig diese auch sein mag. So wurden nach dem 11. September 2001 in den USA Spezialfallschirme verkauft, mit denen man sich aus einstürzenden Hochhäusern retten konnte.
Klar kann man darüber nur den Kopf schütteln. Doch in Zeiten, in denen Verunsicherung herrscht und vieles sich schnell verändert, glauben die Menschen alles gerne, was ihnen diese Verunsicherung wegnimmt. Man kauft gerne die Katze im Sack und wenn man auf den Sack schlägt, meint man eigentlich den Esel.

Mit den Diskussionen über das verschärften Konkordat schaffen es SicherheitspolitikerInnen erneut, den Menschen Angst zu machen. Eigentlich fürchten sie sich gar nicht vor Fussballfans oder vor Hooligans. Sie fürchten sich vor diesem Teil der Welt da draussen, den sie nicht kennen. Die Politik verspricht aber, dass alles gut wird, dass Mutter Helvetia sie an die Brust nimmt und sie beschützt. Und wir lassen uns für unsere Sicherheit noch stärker kontrollieren, überwachen und einschränken. Nicht weil wir wüssten, wieso. Sondern einfach, weil wir glauben, so sicherer zu sein.

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