Schreyhals 4

Schreyhals 4

Sonntag, 24.04.2004, FC Basel 1893 – FC Zürich

«Wenn Alle nur ruhig dasitzen, brauchen wir auch kein Stadion»

Wir hatten die Gelegenheit, mit Neuzugang Reto Zanni ein rund einstündiges Gespräch zu führen. Uns haben dabei weniger sportliche, sondern primär andere Aspekte des Erlebnis’ Fussball interessiert.

Wie ist dein Bezug zum Fussball. Wie bist du auch als Kind, Jugendlicher, Fussballjunior damit umgegangen?

Reto: Fussball bedeutet mir extrem viel. Wenn zB irgendwo im TV Fussball läuft, sehe ich mir das wenn immer möglich an – auch wenns manchmal Reklamationen gibt deswegen von der Familie (grinst). Fussball ist für mich – neben meiner Familie natürlich – Alles. Als Junior hab ich schon intensiv gekickt, eine Zeitlang bin ich auch noch engagiert Ski gefahren. Irgendwann kam dann jedoch der Punkt, wo ich mich zu entscheiden hatte. Zum Glück habe ich mich für den Fussball entschieden. Ich geh zB auch noch häufig an die Spiele meines Stammvereins, dem SC Buochs, wann immer ich Zeit finde.

Wenn du dir Spiele ansiehst, gibst du dich dann auch als Fan ? Emotional, oder auch mal ausrufend?

Seit ich Profi bin, sehe ich das Spiel immer aus 2 verschiedenen Sichtweiten. Einerseits natürlich als Fan, der mitfiebert, andererseits aber auch auf einer rein sachlichen Ebene, da ich weiss, wie es auf Spielerseite aussieht. So gesehen bin ich da viel ruhiger geworden im Vergleich zu früher.

Wie erlebt man die Zuschauer als Spieler auf dem Platz ? Die Atmosphäre, die Lautstärke?

Gewaltig. Gerade im Joggeli ist es unglaublich. Die Atmosphäre peitscht Einem geradezu an, sodass man sich selber dann und wann wieder etwas beruhigen muss, um durch den Push der Atmosphäre nicht allzu euphorisch zu werden. Zum ersten Mal so richtig erlebt habe ich das bei der U21-EM 2002 im Hardturm, als wir die Portugiesen 2:0 geschlagen haben. Bei den weiteren Spielen im Joggeli war die Wirkung dann noch stärker. Das macht schon Eindruck. Vor Allem auch, wenn man nach einer guten Aktion die Emotionen der Zuschauer vernimmt, gibt das extrem Schwung. Ich war anlässlich der CL-Saison 2-3 Spiele im Joggeli. Die Atmosphäre da, das war einfach unglaublich. Da müssen wir wieder hin – (die Augen funkeln) – da wollen wir wieder hin!
Als Gegner im Joggeli einzulaufen und zu spielen ist mit Sicherheit eine absolute Motivation, nirgends in der Schweiz hast du eine solche Atmosphäre, schon allein durch die Bauweise des Stadions entsteht eine unglaubliche Dichte. Als Auswärtsmannschaft muss man dann natürlich auch aufpassen, dass man sich durch die Zuschauer nicht aus dem Konzept bringen lässt. Wenn man von 30‘000 Leuten ausgepfiffen wird, macht das schon Eindruck.

Die Fankurven bemühen sich ja auch, neben Anfeuerung und Gesängen auch optisch etwas zu bieten. Fahnen, Choreographien, aber auch zB Pyromanie. Wie empfindest du das? Nimmt man das wahr?

Reto: Nun, solange bin ich noch nicht hier, als das ich allzuviel über die Basler Kurve sagen könnte diesbezüglich. Aber es spornt einen schon auch an, wenn man
auf’s Feld läuft, und tausende Fans halten Papiere hoch, die ein Bild ergeben, oder schwenken ihre Fahnen oder Sonstwas. Man sieht, dass die Fans mit Herzblut und Leidenschaft dabei sind, und da möchte man dann gerne etwas mit Einsatz zurückzahlen dafür. Ueber Pyromanie möchte ich nicht allzuviel sagen (schmunzelt), es ist la leider verboten, auch wenn es einfach «geil aussieht».

Es gibt im Fussball ja die Tendenz, dass immer mehr Geld reinkommt, Kommerzialisierung, usw. Was meinst du dazu?

Reto: Es ist natürlich wichtig, Einnahmen zu sichern. Davon profitiert die Fifa/Uefa, die Clubs profitieren davon wie auch die Spieler sich über steigende Löhne freuen. Man muss aber auch aufpassen, dass man den Sport nicht entwurzelt. Für den Sport ist es gut, neue Zuschauerschichten anzusprechen. Auf der anderen Seite darf man die treuen Zuschauer auch nicht vergessen. Diejenigen, die schon immer da waren. Die sind für mich eigentlich fast wichtiger, denn DIE sind es, die den Verein in schlechten Zeiten tragen. Die Champions League etwa ist eine tolle Sache, die begeistert, aber man darf den Bogen nicht überspannen.

Für uns Fans ist ja eine Identifikation ziemlich wichtig. Wir wünschen uns Spieler, die zum Verein stehen, Farbe bekennen und Treue beweisen.

Es ist heutzutage halt schon so, dass der Typ «Massimo Ceccaroni», der die ganze Karriere bei einem Verein verbringt, am Aussterben ist. Einerseits schauen die Spieler immer mehr für sich, andererseits ist es vA auch in der Schweiz so, dass man auch schauen muss, einen Job bei einem Verein zu finden. Die Clubs müssen sparen, und auch als junger Spieler muss man einen Verein finden, wo man sich etablieren kann, ich hab ja auch schon mehrere Stationen in der NLA hinter mir.

Auch Rivalitäten sind auf den Rängen gang und gäbe. Es gibt einfach Vereine, die man noch irgendwie sympathisch findet, und …andere. Hat man auch als Profi gewisse Gegner, wo schon grundsätzlich eine Abneigung besteht?

Nein. Es geht einfach um das Spiel und die drei Punkte. Eine besondere Rangordnung oder Sowas kenne ich nicht. Es ist eher so, dass man gewisse Spieler hat, die man‚ besonders gut leiden mag’ (schmunzelt).

Nimmt man als Spieler die Kurven unterschiedlich wahr?

Nun. Ich kann / muss z.B. von St. Gallen berichten. Da wurde ich von Anfang an von vielen Fans abgelehnt. Ich hatte kaum Kredit, wurde als Schönwetterspieler verspottet, meine Leistungen wurden schlechtgeredet – kurz, man mochte mich nicht und wollte mich da auch nicht haben. Das habe ich natürlich schon wahrgenommen. Ich denke, das hat auch unterbewusst Einfluss auf die Leistung gehabt. Eine unangenehme Erfahrung, die ich Keinem wünschen würde. Ich verstehe auch nicht so ganz, wie man sich als Fan gegen einen eigenen Spieler stellen und so dem eigenen Club schaden kann.

Wie sieht denn der Arbeitstag eines Fussballers so aus?

Neben 1-2 Trainings pro Tag ist es so, dass ich zur Zeit noch in Buochs wohne. Das heisst, pro Weg etwas mehr als eine Stunde Autofahrt. Und hier in Basel ist es auch so, dass wir auch vor Heimspielen oft im Hotel übernachten. Da bleibt natürlich nicht mehr allzuviel freie Zeit, und die verbringt man dann am Liebsten bei der Familie zuhause.

Hast du in Sachen Fankontakte dennoch schon einige Erfahrungen machen können in Basel ? Was hältst du von den ominösen Internetforum-Diskussionen?

Es ist unglaublich. Ohne jetzt abschätzig wirken zu wollen, aber in Thun gehst du einkaufen, und es kennt dich kein Mensch. In Basel wurde ich am ersten Tag vor dem ersten Training schon angesprochen im Laden. Man spürt an jeder Ecke, dass die Menschen in Basel für den Fussball leben. Jeder kennt Einem, Jeder fiebert mit. Es ist schon eine tolle Sache, zu spüren, wie die Verankerung und somit die Respektierung für die Fussballer da ist. Schade, dass dies in der übrigen Schweiz überhaupt nicht so ist. Aus Internet-Sachen halte ich mich grundsätzlich raus. Zu meiner St-Galler Zeit hatte ich da ein-zwei Mal reingesehen, aber aus erwähnten Gründen bin ich rasch wieder davon abgekommen.

Was sagst du zum durch die Medien transportierten zwiespältigen Image der Basler Fans ? Wie war das für dich als damals-noch-Thuner beim berüchtigten Meisterspiel von Basel in Thun?

Nun, man hört ja beide Seiten. Aber für mich zählt eigentlich hauptsächlich die positive Seite, der Support. Wenn ich dran denke, dass unter der Woche bei eisigen Temperaturen fast 1000 Basler in Lille waren, und man im Stadion nur unsere eigenen Fans hörte, das ist schon sensationell. Das gibt uns Spielern auch wahnsinnigen Rückhalt. Soll mir keiner erzählen, dass er das nicht hört, was auf den Rängen geht. Natürlich gibt es auch negative Auswüchse, aber bei einer so grossen Masse an Menschen kannst du das ja nicht verhindern. Es sind ja hauptsächlich gesellschaftliche Auswüchse und Probleme, die sich in den Stadien widerspiegeln, das darf man nicht vergessen. zB einer, der im Stadion rassistisches Zeug von sich gibt, der tut das ja ncht nur da. Der hat seine Einstellung ja auch zB am Arbeitsplatz. Beim Meisterspiel war ich irgendwie hin und hergerissen. Einerseits musste ich schon grinsen, als die Basler in ihrer Euphorie da ihre Polonaise um den ganzen Platz zogen, auch bei der Wasserschlacht musste ich lachen, das Becken dort schrie ja bei der Hitz geradezu nach einer Spritzschlacht. Auf der anderen Seite war es aber auch störend, für uns (Thun) ging es ja damals auch noch um Einiges, und man wusste ja nicht genau, wie das noch weitergehen würde. Eine etwas seltsame Erfahrung.

Thema Altstetten. Was denkst du über den geplanten Verzicht vieler Fans auf die Reise nach Zürich am 20. März?

Es ist sicher eine Sauerei, was da passiert ist. Aber aus meiner Sicht muss ich sagen, dass der Mannschaft die Unterstützung der Fans sicherlich fehlen wird. Mir wäre lieber, die Ränge wären voll und wir wüssten die Basler Wand hinter uns. Man kann sagen, der Boykott bestraft die eigene Mannschaft, und die kann ja sicherlich nichts dafür. Man muss aber auch sagen, dass es richtig ist, ein Zeichen zu setzen. Atmosphäre im Stadion ist wichtig. Wenn alle nur ruhig dasitzen, brauchen wir auch kein Stadion, um Fussball zu spielen.

Wir möchten uns bei Reto Zanni für das sympathische Interview und die offenen Worte herzlich bedanken

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