Schreyhals 36

Schreyhals 36

12. AUGUST 2012, FC BASEL 1893 – FC Thun

Auf Spurensuche

Die Repression hierzulande blickt auf eine beachtliche Geschichte zurück. Ihren aktuellen Höhepunkt findet sie in der Verschärfung des «Konkordats über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen» sowie der angestrebten Abschaffung der Transportpflicht für Fussballfans. Die repressive Genesis wurzelt in der Mitte der Neunzigerjahre. Wagen wir einen – möglichst sachlichen – Blick zurück.

Neulich publizierte das Bundesamt für Polizei (fedpol) den Jahresbericht 2011, in welchem unter der Rubrik «Gewalt an Sportveranstaltungen» nebst Abschnitten über den «Zuwachs bei Ultras» und einer «teilweisen Radikalisierung» unter anderem folgender Satz zu lesen ist: «Die bewährten Massnahmen des Bundes (Informationssystem Hoogan, Ausreisebeschränkungen), der Kantone (Rayonverbot, Meldeauflage und Polizeigewahrsam), der Sportverbände und -vereine sowie der Veranstalter (Stadionverbote) werden weiterhin umgesetzt.»
Zugegeben, ich musste stutzen. Wegen des offensichtlichen Widerspruchs einerseits und der Frage nach den Ursachen andererseits. Wie kann das fedpol trotz einem Zuwachs und einer Radikalisierung dennoch von «bewährten Massnahmen» sprechen? Und: Wo nehmen diese Massnahmen und ihre gesetzlichen Grundlagen ihren Ursprung? Bei der Aufarbeitung wird bald bewusst, wie komplex und unübersichtlich diese Thematik zuweilen ist.

Jugendbanden (1995)

1995 waren viele noch entspannter: Die Politik, die Justiz, die Medien und mit ihnen das, was man «die öffentliche Meinung» nennt. 1995, das war vor den Wutbürgern, vor den Fanpässen, vor der Euro. Die Liga hiess noch Nationalliga, die Stadien noch, wie Stadien eben heissen: Hardtürme, Espenmoose, Wankdörfer.
Gleichzeitig entdeckte die Terminologie auch in der Schweiz Begriffe wie Hooligans oder Chaoten für sich. In weiser Voraussicht titelte der «Sport» im April 1995: Im Bereich Sicherheit sind wir Amateure. Grund dafür waren die «schwersten Krawalle, die der Schweizer Fussball je erlebt hat», welche sich anlässlich des Spiels FCL – FCB zugetragen haben. Dieter Schaub, seinerzeit Leiter des Ressorts «Bekämpfung von Hooliganismus und Jugendbanden», forderte darauf die Schaffung einer Fanpolizei. Die Situation rund um die Kurven hat sich zwar grundlegend verändert; geblieben sind über die Jahre aber solche und ähnliche Forderungen – vor allem nach mehr Repression.

Der Anfang der Unschuld (2000 – 2004)

Wir schreiben den letzten Monat im Jahr 2000, als der damalige SFV-Präsident Marcel Mathier in Wien einer Maschine entstieg. Symbolisch, schliesslich ­wollte man den ÖsterreicherInnen zeigen: Wir sind bereit. Die Doppelkandidatur für die Europameisterschaft 2008 wurde eingereicht. Zwei Jahre später erhielten die beiden Länder den Zuschlag.
Im gleichen Zeitraum beginnt eine neue, südländisch geprägte Fankultur in den Stadien Einzug zu halten. Die Kurven werden attraktiver, auf den Stehplätzen der Stadien gedeiht eine eigentliche Jugendbewegung, deren Einfluss im Verlauf der Jahre kontinuierlich grösser werden sollte. Die Debatte um Sicherheit in den Stadien steckt just in diesem Zeitpunk noch in ihren Kinderschuhen: Die Sicherheitskommission der SFL tagt zwischen 2001 und 2003 ein einziges Mal. Dies ändert sich – nicht nur, aber auch bedingt durch den Euro-Zuschlag – in den nächsten Jahren. Spätestens jetzt erscheinen die Bewegungen hinter den Toren auf dem medialen, juristischen und politischen Radar. Die Zeiten sind bereits turbulent: Am 18. März 2001 explodiert beim Spiel Sion – Servette eine Petarde knapp neben dem damaligen Genfer Torwart Eric Pédat. Es kommt zu einem Wiederholungsspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit – dem ersten Geisterspiel der Schweiz. Ausserdem kommt es während eines Gastspiels des FC Basel in Luzern im Dezember 2001 zu einem grösseren Einsatz von Pyro­technik sowie Ausschreitungen nach dem Spiel. Lesen wir den Matchbericht des FCB zu diesem Spiel:

«Die Luzerner verlegten sich hauptsächlich auf die Verteidigung und verstanden es geschickt, mit Schwalben das Publikum weiter anzuheizen. Leider nahmen einige Vollidioten im FCB-Sektor diese Szenen zum Anlass um immer wieder Raketen aufs Feld oder sogar Richtung Luzerner Zuschauer zu schiessen. Wann endlich merken diese Typen, wie sehr sie dem Verein schaden.»

Es folgt die Lancierung des ersten Fanpasses auf die Rückrunde 2002 im Februar, eine Demonstration dagegen im März 2002 sowie die Einstellung ebenjenes Fanpasses bereits vier Monate später. Im August 2002 kommt es während eines Heimspiels gegen Luzern im neuen «Joggeli» zu einem Polizeieinsatz in der Muttenzerkurve, welcher nach dem Spiel eine mehrstündige Auseinandersetzung mit der Polizei vor dem Stadion zur Folge hat. Es sollte bis dato das letzte Mal bleiben, dass die Polizei in der Muttenzerkurve einschritt.
Einen Monat später entflammen zu Beginn der zweiten Hälfte im Spiel gegen Spartak Moskau Rauchsäulen in der Kurve, die Täterschaft wird am Gymnasium Leonhard vermutet. Am 27. September 2002 gewährt der FCB mittels eines offenen Briefes den «Urhebern der Störung selbst eine allerletzte Chance einzuräumen, ehe er sich gezwungen sieht, die gesamte (dem FCB bekannte) Gruppe von Störenfrieden in Solidarhaftung zu nehmen und geschlossen und ausnahmslos mit einem langjährigen Stadionverbot zu belegen.» (Es war dies ein angedrohtes Kollektiv-Stadionverbot an die gesamte Fan-Gruppierung «Inferno Basel».)
Im Dezember 2002 werden an einem Heimspiel gegen GC ein Linienrichter sowie die GC-Spieler Schwegler und Borer von Gegenständen getroffen. Die Sicherheitskammer der Diszipinarkommission der Nationalliga brummt dem FCB wenig später ein Geisterspiel auf. Letztinstanzlich jedoch mildert das Rekursgericht das Urteil ab; es kommt lediglich zu einer Teilsperrung: Die Muttenzerkurve bleibt im März 2003 beim Heimspiel gegen Servette Genf geschlossen.
Auf nationaler Ebene prägt Thomas Helbling, seinerzeit Projektleiter der Euro-Kandidatur und ab Anfang 2004 Präsident der SFL-Sicherheitskommission, die Debatte. Noch im ersten Jahr seiner Tätigkeit stimmen 26 von 28 Klubvertretern während einer Generalversammlung der Liga der Wiedereinführung der Kausalhaftung zu. Lediglich Basel und Winterthur stimmen dagegen. Damit konnten nun sowohl Heim- als auch Gastklubs für ungebührliches Verhalten von – ihnen klar zuordenbaren – Fans zur Rechenschaft gezogen und disziplinarisch bestraft werden. Ausserdem regt Helbling auch eine neuerliche Einführung eines Fanpasses an, welcher schliesslich zu Beginn der Hinrunde 2006/2007 – also nach den Auseinandersetzungen vom 13. Mai 2006 – eingeführt wird. Und nur drei Runden später wieder ad acta gelegt wird.
Im Oktober 2004 kommt es bei der Partie FCZ – FCB sowohl vor als auch nach dem Spiel zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fans einerseits sowie Fans und der Polizei andererseits. Die damalige Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer und ihre Mitarbeitenden nehmen dies im Dezember 2004 zum Anlass für den Kessel von Altstetten. Einmalig in ihrer Grösse markiert diese Episode einen ersten Hochpunkt in der zuweilen ratlos geführten Kurvendiskussion.

Das Ende der Unschuld (2005 – 2006)

Im Anschluss an ein Ligaspiel zwischen Xamax und St. Gallen im September 2005, welches in La Chaux-de-Fonds ausgetragen wird, geraten Polizei und St. Galler Fans aneinander. 24 Ostschweizer werden festgenommen, deren 17 später verurteilt. Der Neuenburger SP-Staatsrat Jean Studer erlässt daraufhin die wegweisende 80-Prozent-Regelung, welche – zwar angefochten – 2009 vom Bundesgericht bestätigt wird: Von nun an können 80 Prozent der Sicherheitskosten auf die Organisatoren (sprich: die Vereine) von Sportanlässen abgewälzt werden.
Zu St. Jakob findet im Mai 2006 die allseits bekannte Schlacht statt. In Tränengasschwaden gehüllt und von einem Gummischrot-Orchester begleitet verabschieden sich Mannschaft und Fans von Zürich und Basel in die Sommerpause. FACTS beschwört das Ende der Unschuld, der erste Tote wird praktisch herbeigeschrieben. Der FCB muss in der folgenden Saison die ersten beiden Heimspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen; in drei weiteren Spielen bleibt die Muttenzerkurve geschlossen. Die Vorkommnisse an jenem Tag fallen in eine Zeit, in der sowieso schon viel ­Dynamik in der Debatte rund um Gewalt beim Sport vorhanden ist:
Zwei Monate zuvor – am 24. März 2006 – und mit Hinblick auf die Europameisterschaften 2008 revidiert der Bundesrat das Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS; im Volksmund schlicht «Hooligan-Gesetz»). Die Revision, gegen welche das Referendum chancenlos bleibt, tritt am 1. Januar 2007 in Kraft und hat es in sich:
Schaffung einer nationalen Hooligan-Datenbank («Hoogan»), Ausreisebeschränkung, Rayonverbot, Meldeauflage und Polizeigewahrsam, wobei die letzten drei Massnahmen vom Parlament ausdrücklich bis Ende 2009 befristet werden.

Runder Tisch, Konkordat und Pranger (2007)

Im Mai 2007 wird im Nachzug an eine Partie zwischen Luzern und Basel, bei welcher es rund um den Bahnhof zu kleineren Scharmützeln kommt, ein neues Instrument gegen randalierende Fussballfans präsentiert: Internetfahndung. Bald ist der «Pranger», wie er von den Fans genannt wir, gesellschaftlich etabliert und wird von Zeit zu Zeit angewendet.
Diese Entwicklung dürfte den «runden Tisch gegen Gewalt im und um den Sport», welcher seit Anfang Jahr tagt, erfreut haben. Vom damaligen Sportminister Samuel Schmid ins Leben gerufen, koordiniert und vermittelt diese Plattform zwischen allen an der Gewährleistung von Sicherheit involvierten Par­teien. Seine Vita liest sich nur bedingt gut, an seinem Ende (im September 2011, nach zehn Zusammenkünften) wird von Scheitern und Debakel die Rede sein (vgl. «die Südostschweiz» vom 02.09.2011), das Tagebuch der Ratlosigkeit, wie es Sportjournalist Pascal Claude in der «Wochenzeitung» einst nannte, wird geschlossen.
Wir befinden uns immer noch im Jahr 2007, als am 15. November die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) das «Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen» genehmigt und es den Kantonen zur Ratifizierung unterbreitet. Regelungsgegenstand sind im Wesentlichen die Bestimmungen zu den befristeten Massnahmen gemäss BWIS (siehe weiter vorne im Text). Diese Massnahmen werden in kantonales Recht überführt und können daher aus dem Bundesrecht gestrichen werden. Sämtliche Massnahmen werden per ­­
1. Januar 2010 – also direkt im Anschluss an den Ablauf der revidierten Fassung des Hooligan-Gesetzes – gesetzlich verankert sein. Und noch eine – folgenschwere – Änderung bringt das Konkordat mit sich: Die gesetzliche Gleichstellung von Pyrotechnik und Gewalt, wie sie in Artikel 2, Absatz 2 geregelt wird:

«Als gewalttätiges Verhalten gilt ferner die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch das Mitführen oder Verwenden von (…) oder pyrotechnischen Gegenständen an Sportstätten, in deren Umgebung sowie auf dem An- und Rückreiseweg.»

Ein bis heute unverrückbarer Keil in das zerklüftete Verhältnis von Fankurven und Sicherheitsverantwortlichen.

Die Euro-Krise (2008)

Das Jahr der Europameisterschaft ist ein vergleichsmässig ruhiges. Bern ist fest in holländischer Hand, Fanmärsche werden allenthalben bejubelt. Ein Umstand, der sich bald ändern wird. Ansonsten streitet man sich über das Bier-Monopol oder wundert sich über das leere «9. Stadion» zu Bubendorf.
Kurz vor dem Grossereignis kommt es zu zwei Zwischenfällen im Schweizer Fussball, welche die Angst vor Ausschreitungen erneut schüren: Nach einem Gegentor in Basel werfen FCZ-Fans Fackeln aus dem Gästesektor in Richtung Spielfeld und Nebenblock.
Ausserdem verliert der FC St. Gallen das Relegationsspiel vom 20. Mai 2008 gegen Bellinzona. Das letzte Spiel im denkwürdigen Espenmoos endet mit dem Abstieg der Ostschweizer in die Nati B und Krawallen auf dem Feld. Auch hier wird mittels Internetfahndung nach der Täterschaft – unabhängig davon, ob diese Tore auseinanderschrauben oder Polizeikräfte attackieren – gefahndet. Zudem legen diese Ereignisse offensichtlich den Grundstein für die künftigen Schnellverfahren des St. Galler Staatsanwalts ­Thomas Hansjakob.

Auftritt KKS (2009 – 2010)

2009 betritt eine neue Politikerin die Bühne: Karin Keller-Sutter, damals Vizepräsidentin der «Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren» (KKJPD), sagt den Fussballsfans den Kampf an. Unter Keller-Sutters Federführung begibt sich eine Delegation der KKJPD im August 2009 auf Europareise nach England, Belgien, Deutschland und in die Niederlande, um der Gewalt endlich habhaft zu werden.
Imponiert vom «leuchtenden Beispiel» Freiburg (so Hanspeter Gass, Regierungsrat und Vorsteher des Sicherheitsdepartements Basel-Stadt) und anderen Null-Toleranz-Strategien brütet die KKJPD im Herbst zu Hergiswil über einem Massnahmenpaket, welches als «Policy gegen Gewalt im Sport» im November der Öffentlichkeit präsentiert wird: Fancard, Kombiticket, Aufhebung der Stehplätz oder eine Einschränkung des Alkoholausschanks, um nur einige zu nennen.
Zuvor kommt es am 17. Mai 2009 bei der Partie FCZ – FCB erneut zu Scharmützeln: Im Letzigrund fliegen Leuchtfackeln aus dem Sektor der Basler Fans in den Zürcher Familiensektor, und nach dem Spiel liefern sich die Fans lange Auseinandersetzungen rund um den Bahnhof Altstetten.
Kurz nach der Präsentation der oben erwähnten Policy kommt es am 20. November 2009 wiederum bei einem Aufeinadertreffen zwischen Basel und Zürich vor, während und nach dem Spiel zu teils massiven Ausschreitungen. Die Situa­tion im Gästesektor zwischen den Sicherheitskräften und den FCZ-Fans eskaliert völlig; das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel-Stadt schreibt später von «noch selten gesehener Brutalität» seitens der FCZ-Fans.
Ein erstes Mal spüren die FCB-Fans den neuen Ostschweizer Kurs anlässlich des Spiels FCSG – FCB vom 21. März 2010, bei welchem ein lang anhaltender, scheinbar unlösbarer Konflikt zwischen Mitarbeitenden des Sicherheitsdienstes Delta Security AG und dem Basler Anhang eine neue Stufe erreicht. Insgesamt zehn Fans werden am Eingang oder nach dem Spiel beim Bahnhof St. Gallen-Winkeln festgenommen und dem Schnellrichter vorgeführt.

So genannte Lösungen (2011 – 2012)

Im vergangenen Jahr beschäftigen hauptsächlich drei Ereignisse: Die Ausschreitungen im Letzigrund vom 11. Mai 2011, der Abbruch des Zürcher Derby am 2. Oktober sowie der Pyro-Unfall beim Spiel Lazio Rom gegen den FCZ vom 3. November. Und die Frage, ob der Pranger «Aufgabe der Medien» sei, wie dies «Blick»-Sportchef Felix Bingesser behauptet, nachdem Ringier-Medien kurzerhand die Rolle der Exekutive übernehmen und gleich selber nach Tätern fahnden (beim Spielabbruch) oder diese bis weit in deren Privatsphäre hinein verunglimpfen (beim Pyro-Unfall).
Bereits nach den Vorfällen im Mai 2011, als es im Eingangsbereich des Letzi-Gästesektors zu groben Zusammenstössen zwischen den Delta-Mitarbeitenden und Basler Fans kommt, und vor allem im Nachzug zum Derbyabbruch von Zürich überbieten sich Politiker und Funktionäre aller Couleur mit Forderungen. Von Bewilligungs- und Ausweispflicht ist die Rede, von Fahnenverboten, von präventiven Spielabsagen, von polizeilicher Dauerpräsenz in den Stadien und verschärften Intimkontrollen.
Die «Rundschau» sendet im August 2011 innert Wochenfrist gleich zwei Berichte zur Thematik. Von Schlachtfeldern und rechtsfreien Räumen ist die Rede. Die veröffentlichten Polizeivideos sorgen schweizweit für Empörung. Dazwischen streiten sich im «Club» Polizisten, Fan­arbeiter, Soziologen, Politiker, Vereins- und Ligapräsidenten darüber, wer den jetzt Schuld an den Ausschreitungen trage.
Die SBB ihrerseits wittern anhand des günstigen medialen Klimas die Chance, sich endlich von der Transportpflicht für Fussballfans zu befreien; mit «drei Millionen Franken Sachschaden» und «zetrümmerten Lokomotiven» bewirbt sie sich hierfür. Dass es sich bei den erwähnten drei Millionen korrekterweise um ungedeckte Kosten handle, wovon nur ein Bruchteil effektiv Sachschäden sind, räumen die Bundesbahnen eher widerwillig ein, schliesslich «spiele es keine Rolle, wie viele Franken in der medialen Berichterstattung welcher Ursache zugeordnet werden – es seien schlicht und einfach 3 Millionen Franken zu viel an unnötigen Ausgaben für die SBB», so der SBB-Sprecher Reto Kormann. Wir berichteten an anderer Stelle (vgl. Schreyhals Nr. 34 – Die Züge einer Lüge) ausführlich darüber. Momentan befindet sich die Vorlage zur Änderung des Personenbeförderungsgesetzes (PBG) im Vernehmlassungsverfahren.
Das aktuelle Jahr beginnt mit der Verschärfung des Hooligan-Konkordats: Am 2. Februar 2012 präsentiert die KKJPD die definitive Änderung des Konkordats. Die Änderung wird mit einer Zunahme der Gewalt sowie der Kosten begründet. Auf welcher statistischen Basis die stets behauptete Zunahme von Gewalt rund um Sportveranstaltungen steht, ist nach wie vor unklar. Eine «nicht repräsentative Umfrage» habe zu diesem Ergebnis geführt, wie KKJPD-Generalsekretär Roger Schneeberger unlängst verlauten liess. Die Änderungen folgen einer Logik: Mehr Repression. Nicht nur gegen jene, die Straftaten verüben, sondern wie immer auch gegen die Stadionbesuchenden als Kollektiv.
Dagegen regt sich politischer Widerstand, zumindest in Basel. Hier wird versucht, die Annahme des Konkordats mittels eines parteiübergreifenden Komitees zu verhindern. Das Vorhaben scheint gute Chancen zu haben. So gut, dass Regierungsrat Hanspeter Gass die Ratifizierung des Konkordats vorsorglich auf 2013 – und damit auf einen Zeitpunkt nach seinem Rücktritt – verschoben hat. Die Formierung politischen Widerstands passt insofern zu Basel, als hier sowieso am gelassensten agiert wird. Zurückzuführen ist diese besonnene Art im Umgang sicherlich zu grossen Teilen auf die Person von Bernhard Heusler, den ak­tuellen Präsidenten des FC Basels, welcher mit seiner differenzierten Art oft auch als «Verhinderer» repressiver Konzepte gilt. Seit der Annäherung zwischen Fans der Muttenzerkurve und Heusler kurz nach besagtem 13. Mai 2006 prägt der Jurist nicht nur beim FC Basel die Fanpolitik, sondern macht auch in nationalen Gremien immer wieder seinen Einfluss bemerkbar.
Zum Beispiel in den sieben Säulen für «Friedliche Fussballspiele», welche Liga und Verband im Hinblick auf die aktuelle Spielzeit 2012/2013 vorgestellt haben. Eine «sachliche, zielführende Diskussion und umsetzbare Lösungen» fordern Liga und Verband. Natürlich sind auch repressive Säulen enthalten, aber eben nicht nur. Ganz im Gegensatz zur KKJPD und ihrer Konkordats-Verschärfung.

Der kleinste Zwang

In den letzten zwölf Jahren wurde mit unglaublicher Vehemenz der Druck auf die Fankurven erhöht. Wie immer, wenn Druck erhöht wird, reagiert das bedrohte Element mit einer Minimierung des Zwangs. Das gilt für die Fanbewegung genauso wie für chemische Systeme. Diesem Umstand wird leider viel zu selten Rechnung getragen. Konsequent wurden die Grundrechte der Fans wegradiert und immer abstrusere Forderungen präsentiert. Mal waren die Forderungen nur absurd, oft aber schlicht kontraproduktiv. Aktuellstes Beispiel dürfte die sture Einsatzdoktrin der Zürcher Polizei hinsichtlich der Märsche in Zürich sein. Eine Doktrin, welche in jüngster Vergangenheit vermehrt zu Durchmischung der Fans geführt hat, weil sich die Fans dieser Strategie entziehen. Das Prinzip des kleinsten Zwangs eben.
Bleibt zu hoffen, dass sich diejenigen Stimmen, welche die jahrelange Repressions-Einbahn hinterfragen, vermehren. Die Zeichen stehen gut, dass der Druck etwas vermindert wird. Das könnte dann zum Beispiel in Zukunft so klingen, wie dies Boris Herrmann in einem Kommentar zum Sicherheitsgipfel des Deutschen Fussballs formuliert hat: Der Fussball habe «nebst einem Gewalt- vor allem auch ein Gewaltbekämpfungsproblem.» Und:

«Die Fans mögen das Problem sein. Sie sind aber auch die Lösung.»

Der Autor ist sich bewusst, dass konsequenterweise auch die Rolle der Fanbewegung und die ihr entspringenden Aktionen kritisch beleuchtet werden müssten, um der Thematik gerecht zu werden. Darauf wurde jedoch bewusst verzichtet. Vielmehr war es die Absicht, mehrheitlich chronologisch die Ursprünge, Zusammenhänge und Entwicklungen der repressiven Elemente aufzuzeigen.

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