Schreyhals 30

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24. JULI 2011, FC BASEL 1893 – Xamax

Ernste Spiele: Was sagt die Architektur der Stadien über unsere Gesellschaft aus?

«Zeige mir, wie du baust, und ich erkläre dir, wer du bist.» Dies sagte einst der Schriftsteller Christian Morgenstern. Er behauptet, dass die Architektur etwas über die Gesellschaft aus­sagen würde. Dass man anhand der Bauten gewisse gesellschaftliche Strukturen erkennen kann. Wie sieht das mit den Stadien aus? Was verraten diese über unsere Gesellschaft?

«Fussball ist nicht nur ein sportliches, sondern immer auch ein räumliches Ereignis. Zum einen deshalb, weil durch die Aktivitäten der Spieler, den Spielaufbau und das Spielsystem ein Raum geschaffen wird, der sich aus den jeweiligen Abständen der Spieler zueinander, ihren Positionen, ergibt, die sich im Laufe des Spieles verändern, indem Räume eng oder weit gemacht werden – denn wie in jedem anderen Sport wird auch hier um Raum gekämpft. Zum anderen deshalb, weil der Fussball an einem bestimmten Ort stattfindet. Das kann eine beliebige Rasenfläche, ein Schotterplatz, ein geteerter Hinterhof oder auch ein Stück Brachland sein. Das kann aber vor allem auch – zumal im Profifussball – ein Stadion sein» (Markus Schroer). Der Hinterhof ist ein vergänglicher Fussballplatz. Er ist nur so lange Fussballplatz, wie Menschen ihn als Fussballplatz beanspruchen. Dem steht das Stadion als ein monumentales Bauwerk gegenüber, das für Fussballspiele konzipiert und extra dafür gebaut wurde. Da spielt es keine Rolle, ob ein Match stattfindet oder nicht. Es ist und bleibt ein Fussballstadion. Während in der Vergangenheit bestimmte Stadien durch ausserordentliche Ereignisse (Resultate, Endspielaustragungsort, Stimmung, Tragödien) erst im Nachhinein Bedeutung erlangten und zum Teil sogar zum Mythos avancierten, so stehen die Stadien heute schon zu Beginn ihrer Entstehung im Zentrum des Geschehens. Nicht mehr nur die Spieler, Trainer und Fans stehen im Mittelpunkt, nein, auch das Stadion kommt heute hinzu. Dieser Text soll die Entwicklung der Fussballstadien erläutern und erklären, dass deren Architektur auch etwas über unsere Gesellschaft aussagt.
Bevor ich auf die Entwicklung des Stadionbaus und dessen Architektur zu sprechen komme, erkläre ich, was ein Stadion per Definition ist und von wo das Wort stammt. Wikipedia sagt, dass das Stadion ein «Austragungsort von sportlichen Wettkämpfen» ist, das «eine nach oben offene Struktur» besitzt und so «einem Publikum» ermöglicht, diesem Wettkampf beizuwohnen. Das Wort selber kommt aus dem altgriechischen und bezeichnete ein antikes griechisches Längenmass mit einer Länge von 600 Fuss. Die alten Griechen haben also läuferische Wettkämpfe auf einer Strecke eben dieses Längenmasses gemacht. Diese Strecke wurde geometrisch in eine Form eingebettet, damit der Zuschauer jeweils gute Sicht auf den Läufer hatte und so entstand das ovale Stadion.

Es gab damals noch keine grosse Unterteilung zwischen Spielern und Zuschauern, da der Raum offen war und sich alle (Fans und Spieler) sehr gut vermischen konnte.

Die Entwicklung von Fussballstadien kann man in mehrere Etappen unterteilen. Als erstes wurde ein fester Spielort ausgewählt. Dort spielte man eine Art von Fussball. Es gab damals noch keine grosse Unterteilung zwischen Spielern und Zuschauern, da der Raum offen war und sich alle (Fans und Spieler) sehr gut vermischen konnte. So konnten die Zuschauer rasch aufs Feld rennen und irgendeinen Einfluss auf das Spiel nehmen. Da diese Form des Fussballspiels meist zu sehr blutigen Auseinandersetzungen führte, wurde im späten 19. Jahrhundert in England über eine Entwicklung des Sportes nachgedacht. Es wurde eine Trennung zwischen Innenraum (Spielfeld) und Zuschauerraum eingeführt um eine erste Professionalisierung des Sportes zu ermöglichen. Da nun auf dem Feld «in Ruhe» gespielt werden konnte und der Spielfluss nicht mehr arg von den Zuschauern gestört wurde.
Nun gab es zwar eine Trennung zwischen Spielfeld und Zuschauerraum, aber nicht zwischen dem Zuschauerraum und dem Umgebungsraum. Zu dieser Zeit war das Spielfeld noch in den Boden eingegraben, und die Zuschauerränge bildeten die zum Spielfeld hineingehenden schrägen Senkungen. Die oberste Reihen der «Tribünen» befanden sich etwa auf Bodenhöhe. Das heisst, dass wenn man in einem Haus neben dem Stadion wohnte konnte man ganz einfach auf das Spielfeld sehen. Deshalb wurde begonnen, das Spielfeld auf normaler Ebene zu lassen und darum herum Tribünen zu errichten. Um eben diese Grenze nach aussen erkennbar zu machen. Als Vorbild dienten die römischen Amphitheater, die einen geschlossenen Raum darstellen, wo man den Alltag vergessen kann und sich unterhalten (lassen) kann. Die Tribünen wurden immer höher und höher, und als letzte Etappe kam das Stadiondach hinzu, um diesem Gefühl eines eigenen Ortes noch mehr Stärke zu verleihen.
Diese Stadien dienten alleine dem Zweck, das Spiel zu ermöglichen. Es waren nicht unbedingt schöne Stadien, sicher imposant und monumental, aber keine architektonische Meisterleistung. Das wollte man auch gar nicht. Das Stadion war ein Mittel (Ort) zum Zweck (Fussballspiel). Nun gibt es klare Grenzen zwischen den einzelnen Räumen. Innerhalb diesen Räumen gab es fast keine Grenzen. Viele kennen dies noch vom alten Joggeli, wo man vom einen Ende bis zum anderen gehen konnte, ohne dass Absperrungen im Weg standen. Nur die Tribüne bildete einen zweiten Zuschauerraum. Um die Sicherheit in den Stadien zu erhöhen und die Gewalt einzudämmen – in England waren zum Beispiel Platzstürme, Kurveneroberungen und viele Auschreitungen in den Rängen gang und gäbe – wurde der Zuschauerraum in kleinere Blöcke unterteilt, Zäune wurden errichtet und als wichtigste Veränderung wurden die Stehplätze durch Sitzplätze ersetzt. Man wollte dadurch Kontrolle und Sicherheit fördern. In Italien ging man einen anderen Weg. Die Stadien wurden nicht erneuert, aber das Polizeidispositiv wurde grösser. Die Gewalt wurde nicht eingedämmt, sondern eher radikalisiert.
In den vergangenen zwanzig Jahren tritt jedoch eine neue Auffassung beim Stadionbau hinzu. Das Stadion soll selbst zu einem Akteur werden, nicht nur Ort der Aktion sein. Diese neuerliche Entwicklung hat vor allem im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, als reihenweise Stadien aus dem Boden gestampft und erneuert wurden grossen Auftrieb gefunden. Die Stadien werden immer mehr zu Prestigeobjekten und die Elite der Architekturszene bemüht sich darum, den Zuschlag zu erhalten, das Stadion bauen zu dürfen. Die Städte, welche die Architekten beauftragen, wollen durch ihre Bauten Aufmerksamkeit erlangen, um sich als lukrativer Standort für neue finanzkräftige Unternehmen und lohnendes Reiseziel für Touristen zu zeigen.
Der Bau von solch grossen Prestigeobjekten – ehemals Stadion – kostet viel Geld. Die Vereine und Städte können dies selber gar nicht mehr finanzieren. Deshalb wird nach einem Unternehmen gesucht, der das Projekt finanziert. Nur will dieses Unternehmen natürlich im Gegenzug Geld oder Rechte bekommen. So können sie zum Beispiel das Stadion mit ihrem Namen benennen oder werden Besitzer des Stadions. Oftmals wird bei den modernen Stadien eine Mantelnutzung mit eingeplant. Das heisst, dass im Innenraum des Stadions eine grosse Einkaufsfläche mit vielen Geschäften entsteht. Diese Mantelnutzung des Stadions ist mittlerweile die Einnahmequelle der Stadionbetreiber. Die Privatisierung der Stadien führt zu einem Teilaustausch des Publikums, da Zugangsbeschränkungen ausgeweitet und/oder Ticketpreise angehoben werden. Die normale Fangemeinde sieht sich mit einem neuen Publikum konfrontiert. Um soziale Konflikte zu umgehen, werden diese beiden Schichten getrennt. Diese Separierung ist jedoch nicht unproblematisch, denn jeder Anwesende erkennt seinen Bewegungsraum und den der anderen. Jeder ist sich somit seines sozialen Standes bewusst und kann seine Grenzen erkennen. Dies könnte wiederum viel Frustpotenzial auslösen. Die neuen Stadien zeichnen sich ausserdem durch ihre Baumaterialien aus, die leichter und wandelbarer sind, als die Betonbauten früher. Moderne Stadien sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Man kann aus den Stadien viel herausholen, in dem man sie verändert. So können neben den Fussballspielen auch Konzerte und andere Anlässe darin geboten werden.
Wenn wir ein Fazit ziehen und einige Eigenschaften moderner Stadien zusammenfassen – Privatisierung, Kommerzialisierung, Separierung, Flexibilisierung – dann wird deutlich, dass man damit nicht nur Stadien beschreiben kann, sondern gewisse Elemente der heutigen Gesellschaft. In Shoppingzentren oder auf Bahnhöfen und Flughäfen werden genau diese Eigenschaften auch verfolgt. Es geht darum, eine Verdichtung von Aktivitäten an einem Ort zu erreichen. Es sind Orte für verschiedenste Menschen aller gesellschaftlichen Klassen. Aber die sozialen Unterschiede werden sichtbar gemacht. Im Stadion durch die Unterteilung der Tribünen in Fankurve, Gegengerade und Haupttribüne. Die Unterteilung geht sogar innerhalb einer Tribüne weiter in Unterrang und Oberrang. Weiter ist es nicht mehr nur die Flucht aus dem Alltag, die die Leute in das Stadion lockt, um dort etwas Aussergewöhnliches zu sehen. Stattdessen gehen die Leute vermehrt aus anderen, ganz alltäglichen Motiven ins Stadion. Es geht um Konsum, um Unterhaltung; ähnlich wie beim Besuch einer Oper oder eines Theaters. Die Begeisterung für einen nichtalltäglich stattfindenden Anlass ist durch die Medialisierung sehr stark zurückgegangen. Das Stadion ist quasi zu einem Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeit geworden.

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