Schreyhals 3

Schreyhals 3

Donnerstag, 16.12.2004, FC Basel 1893 – Feyenoord Rotterdam

Der Altstetten-Skandal: So war es wirklich

427 verhaftete Fussballfans!!! So etwas gab es noch nie! Das steht ausser Frage. Doch was ist eigentlich genau passiert? Laut Zürcher Stadtpolizei nichts, was der Rede wert sei. Wir sind anderer Meinung. Deshalb hat die Schreyhals Redaktion seit dem besagten Sonntag mit Dutzenden betroffenen Fans gesprochen. Der folgende Artikel fasst die erschütternden Schilderungen der Basler Fussballanhänger zusammen und lässt sie für einmal unzensiert zu Wort kommen.

 

Am Bahnhof SBB

GC gegen den FCB: Für viele Basler Fans ist dies der Höhepunkt der Meisterschaft. Entsprechend zahlreich folgen die Anhänger ihrer Mannschaft nach Downtown Switzerland, um ihre Spieler lautstark zu unterstützen. Doch dieses Mal kam alles anders. Schon am Bahnhof SBB geschahen merkwürdige Dinge. «Es hatte Dutzende zivile und uniformierte Polizisten, schon Stunden vor Abfahrt des Extrazuges.» Irgendetwas schien faul zu sein. Und der Schein trog nicht. «Wir wollten auf den Intercity nach Zürich HB. Doch die Polizei hat uns daran gehindert. Alle Fans müssen heute auf den Extrazug, hiess es.» Warum nur? Es sollte sich herausstellen…

Im Zug nach Altstetten

Die Zugfahrt verlief ausserordentlich ruhig. «Es wurde gesungen und getrunken. Die Stimmung war wie immer bestens. Nur die viele Bahn- und zivilen Polizisten störten.» Dennoch liessen sich die Fans die gute Laune nicht verderben. Die Vorfreude auf das Spiel stieg. Doch mit ihr stieg auch die Hektik der Polizisten. «Mit der Zeit durfte man sein Abteil nicht mehr Verlassen und nur mit Begleitung auf die Toilette. Das war schon sehr seltsam.» Der Zug ratterte weiter. Richtung Altstetten. Ins Unheil. «Schon vom Zug aus sah ich eine blaue Wand am Bahnhof bereitstehen.»

Eingekesselt und abgeführt

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Als die ersten Fans den Zug verliessen, wurden sie sofort von bis an die Zähne bewaffneten Polizisten umzingelt. «Ja, bei der Ankunft des Zuges flogen 3-4 Flaschen aus dem Zug, aber ich glaube das haben die Polizisten nicht mal gemerkt…» Die Polizisten schreien. Die Fans sollen zurücktreten. Die letzten werden aus dem Zug gedrängt. Keiner kann mehr zurück. Im Zug stehen auf einmal bewaffnete Polizisten. Auf dem Perron hinter dem Zug auch. «Ein Fan wollte auf die Toilette flüchten, der war höchstens 15. Ein Polizist brüllte ihn an, worauf er verängstigt die Arme hob. Wenige Augenblicke später hat der Polizist mit Gummischrot in sein Gesicht geschossen. Aus höchstens fünf Metern. Der Junge brach zusammen.» Überall auf dem Bahnhof ähnliche Bilder. Zum Teil wehren sich einige Fans und werfen Flaschen zurück. Ohne Wirkung. Tränengas wird eingesetzt. Mitten in die Menge. Frauen schreien, Kinder weinen, manche müssen sich übergeben. «Ein Mann, vielleicht 45, machte das Peacezeichen in eine der vielen Polizeikameras. Sofort kam ein Polizist und sprühte ihm Pfefferspray direkt in die Augen.» Was genau passiert wusste niemand. Die Fans sollten sich in einer Reihe aufstellen und einzeln durch eine Polizeikolonne laufen. «Zuerst haben sie noch gesagt, sie würden uns nur kurz durchsuchen, dann könnte wir wieder gehen.» Schon bald wurde klar, dass das eine Lüge war. Eine Chance der Gefangenschaft zu entkommen, hatten nur Frauen, ältere Herrschaften und kleine Kinder. Alle anderen wurden, sogleich sie aus der Kolonne kamen, an eine Wand gestellt und durchsucht. Vermummte Polizisten nahmen ihnen die Wertsachen ab, steckten diese in einen Plastiksack, welcher den Fans um den Hals gehängt wurde und fesselten die Fans mit Kabelbinden. Einigen wurden auch die Mützen und Handschuhe abgenommen. Die Stadtpolizei wird später von einer «Triage» sprechen, bei der die schuldigen von den unschuldigen Fans sortiert worden seien. «Es gab überhaupt keinen einzigen Schuldigen! Niemand, aber wirklich niemand, hat etwas gemacht, dass eine Festnahme und eine solche Behandlung rechtfertigen würde.» In Kastenwägen verfrachtet gings ab in die Polizeikaserne.

Gedemütigt und eingesperrt

«Wie Schweine vor dem Schlachthof» warteten die Fans auf Einlass in die Kaserne. Eingepfercht, zwischen einer Mauer und einem aufgebauten Zaun. Nach vorne hin wurde der Gang immer enger. Einzeln wurden die Fans ins Gebäude geführt. Pro Minute höchstens eine Person. Und von hinten drängten immer neue Verhaftete hinzu. «Der Schmerz auf den Schultern wurde immer grösser. Zudem schnitten die Kabelbinden fürchterlich ein. Es ging einfach nicht vorwärts. Stundenlang warteten wir, ohne Wasser und ohne Möglichkeit auf die Toilette zu gehen, in bitterer Kälte. Einige öffneten sich gegenseitig die Hosen, um urinieren zu können, andere mussten in die Hosen machen. Es war demütigend. Sie haben uns jede Würde genommen.» – «Ein junger Fan, maximal vierzehnjährig, hatte starkes Nasenbluten, doch die Polizisten wollten ihm weder ein Taschentuch geben, noch die Kabelbinden öffnen. Er presste seine Nase dann solange gegen eine Eisenstange, bis die Blutung aufhörte.» Einige Fans standen fünfeinhalb Stunden gefesselt vor der Kaserne. Zuvor standen sie noch drei Stunden am Bahnhof. «Ich hatte schrecklichen Schüttelfrost, als ich endlich eintreten konnte. Ich glaube einige Polizisten hatten sogar etwas Mitleid.» Die Natels wurden selbstverständlich auch abgenommen. Niemand konnte seine Verwandten und Freunde benachrichtigen. Nicht einmal die 162 Minderjährigen. «Einigen gelang es glücklicherweise die Fesseln zu lösen. Sie waren unsere Retter. Sie knüpften die Jacken richtig zu, banden Schnürsenkel, oder hielten das Natel ans Ohr, dass wir mit unseren Familien telefonieren konnten. Und das trotz den Drohungen, dass bei Abnahme der Fesseln eine Übernachtung in der Kaserne wartet.» Als die Fans endlich ins Gebäude eintreten konnten, wurden zuerst ihre Personalien aufgenommen und sie wurden fotografiert. Anschliessend wurden sie in Massenzellen gebracht. «Die Zelle in der ich war, ist vielleicht für 20-30 Personen gedacht. Als ich reinkam waren aber garantiert schon 70-80 Fans in der Zelle…» Dort hiess es dann warten und auf ein schnelles Ende hoffen. «Die Stimmung war sehr unterschiedlich. Es gab sehr junge Fans, die zu weinen begannen, andere hingegen zeigten Galgenhumor. Eines aber teilten alle: Die Empörung über das Verhalten der Polizei.»

Verhört und verzeigt

Einzeln ging es zum Verhör. Zum Teil in Metallhandschellen. Vor dem Verhör wartete aber noch einmal Einzelhaft auf die Fans. Einschüchterung? «Das Verhör war ein Witz und dauerte bei mir fünf Minuten. Ich habe einfach zehn Mal „nein“ gesagt und fertig. Ich war weder vermummt, noch gewalttätig, noch habe ich an einer Demo teilgenommen, noch habe ich Straftaten beobachtet, noch sonst etwas. NICHTS habe ich gemacht. Aber verzeigen werden sie mich trotzdem, haben sie gesagt.» Kein Einzelfall. Der Redaktion ist kein Beispiel bekannt, wo von einer Verzeigung abgesehen wurde. Der Grund scheint klar: Je mehr Verzeigungen, desto grösser die Erfolgsmeldung. «Ich werde auf jeden Fall Einspruch erheben und Anzeige erstatten. Gegen alles was ich kann. Ich werde mich juristisch beraten lassen. Vermutlich vom Anwalt des Dachverbandes. So etwas darf nicht ohne Folgen bleiben!» Um Viertel nach zwei konnten die letzten Fans das Polizeirevier verlassen. Züge fuhren keine mehr…

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