Schreyhals 29

Schreyhals 29

15. MAI 2011, FC BASEL – FC Thun

Die Heugümper hüpfen wieder

Am 4. Dezember 2008 wurde mit dem Abbruch des Stadions Hardturm in Zürich begonnen. Mehr als zwei Jahre später ist das Stadion praktisch vom Erdboden verschwunden. Aber ein Neubau scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Eine Hommage an ein verdientes Stadion der Schweiz und gleichzeitig ein Versuch, etwas Klarheit in die Tragödie rund um den Hardturm zu bringen.

Meinem Blick auf die Reste des Stadions haftet etwas Melancholisches an. Erinnerungen an vergangene Tage, Tore und Fangesänge drängen sich nach vorne ins Bewusstsein. Der leichte, einsetzende Nieselregen prasselt auf den kahlen Beton und holt mich zurück aus meinen Gedanken. Wie ein Mahnmal ragt die Verkleidung der Tribüne West entlang der Pfingstweidenstrasse in den Himmel. Viel ist nicht mehr übrig. Teile der Stehplätze der Estrade Ost und dem Unterrang der Gegengerade sind noch intakt. Ein improvisiertes Spielfeld mit zwei Toren zeugt noch von der symbolischen Partie der GC-Fans anfangs März 2011, dazu Bierdosen, abgebrannte pyrotechnische Artikel und ein Einweg-Grill.
Ansonsten diente das Spielfeld in den letzten Jahren oftmals anderen Akteuren. Diese hatten aber mit Fussball weniger zu tun. Für viele von ihnen standen wirtschaftliche, städteplanerische oder ökologische Interessen und nicht zuletzt mögliche finanzielle Profite im Vordergrund. Eine Einigung im Konflikt um den Stadionneubau konnte bisher nicht erzielt werden.
Für einen kurzen Moment wurde dem Hardturm doch noch einmal Leben eingehaucht:
Am Abend des 4. Juli 2008 wurde das leerstehende Stadion kurzerhand besetzt. Während zwei Tagen fand darin der nichtkommerzielle Anlass «Brotäktschen» statt, quasi eine Gegenbewegung zur EM, um zu zeigen, «dass Grossanlässe auch ohne Sponsoring, absurde Sonderregelungen, ­Hundertschaften von Polizeikräften, Militäreinsätzen und Überwachung durch Drohnen durchführbar sind.»
Um den Konflikt rund um den Hardturm-Neubau zu verstehen, sollte man sich eine Fahrt durch das ehemalige Industrieareal Zürich-West nicht nehmen lassen. Zwischen Hardbrücke, der Limmat und den wegführenden Gleisen befindet sich hier eines der prosperierendsten Stadtentwicklungsgebiete Zürichs.
In dieses Spannungsfeld, wo aus den ehemaligen Fabrikanlagen laufend neue Kulturinstitutionen oder Wohn- und Bürobauten entstehen, ist das Hardturm-Areal eingebettet. Ein wuchernder Moloch von Umleitungen, Baustellenabschrankungen, Baggern und Verkehrschaos begleitet die Fahrt zum Autobahnende.

Die Anfänge

Nach einer jahrelangen Odyssee durch Zürich wurde GC gegen Ende der 20er Jahre sesshaft. Namenspate für das gesamte Gebiet, auf welchem das Stadion 1929 eröffnet wurde, war ein heute noch erhaltener Turm der äusseren Letzimauer, welche Zürich im Mittelalter vor Angriffen schützte.
Das erste Spiel im neuen Stadion gegen die U.S. Alessandria Calcio, welches für GC mit 1:3 verloren ging, wurde von der NZZ verewigt:

«Es mögen 15’000 Personen gewesen sein, die am Sonntag dem Grasshopperclub Zürich bei der Einweihung seines neuen Spielplatzes zu Gevatter standen; ein Autopark von vielen hunderten von Wagen rechts und links der Zufahrtsstrassen … zeigte, dass es sich um einen Grosstag im Zürcher Sportkalender handelte.»

Nur fünf Jahre später wurde die Haupttribüne durch einen Brand zerstört. Rudolf Schoeller (Erbe der Unternehmerdynastie Schoeller und späterer «Mister GC») erwarb kurz darauf das Stadion und ermöglichte so dem finanziell angeschlagenen Klub den Wiederaufbau der Tribüne. 1954 folgten WM-Spiele im Hardturm. 1986 brannte die Haupttribüne ein zweites Mal nieder. Ein eigentlicher Neubau fand nicht statt. Viel eher wurde das Stadion laufend renoviert: Über eine Südtribüne (1985) und die Estrade Ost (1986) fand der Hardturm mit der Fertigstellung der Estrade West (1998) zu seiner markanten Form.
Die Spielstätte war nicht nur die Heimat des GCZ, sondern von Zeit zu Zeit auch Asyl für viele Mannschaften, seien diese aus dem Ausland (Albanien – Nordirland 1:0, 10.09.1997) oder aus der Schweiz – unter anderem für Basel (FCB – Feyenoord Rotterdam 1:2, 26.10.2000).
Während ich nun über die brüchigen Stehplatzfragmente schlendere, spüre ich wieder die Wehmut, welche mich bei den Gedanken an meine Erlebnisse im Hardturm ­umgibt. Das Stadion war in den knapp fünf Jahren seit meinem ersten Besuch verantwortlich für unzählige Anekdoten. Es fällt mir schwer, einen persönlichen Höhepunkt zu finden. Vielleicht  war es der Torjubel nach dem zweiten Treffer im Mai 2003, als Yakin und Gimenez innert zwei Minuten den 2:0-Vorsprung der Hoppers egalisierten – bei meinem ersten Spiel im Hardturm wohlgemerkt (16.05.2003, GC – FCB 2:2).
Am 1. September 2007 fand das letzte Spiel auf dem ehrwürdigen Rasen statt. Die Hoppers unterlagen Neuenburg Xamax mit 1:2. Als Bobadilla in der Nachspielzeit der Anschlusstreffer gelingt, beginnen Rauchschwaden aus der Estrade Ost, den Hardturm in sein Abschiedsgewand zu hüllen.
Einige Monate später, im Dezember 2008, fahren die Bagger auf und vollbringen ihr zerstörendes Werk. Was knapp 80 Jahre währte, wird innert Zehntelsekunden in die Knie gezwungen. Was bleibt sind Reste und Erinnerungen. Bald werden es nur noch Erinnerungen sein.

Schattenwurf

Doch der Niedergang des Hardturms begann früher: Im Sog der Kandidatur für die EM 2008 setzt ein Modernisierungsschub in der  Stadionlandschaft der Schweiz ein. Natürlich sollen die Spiele nicht nur in Basel, Genf und Bern, sondern auch in Zürich ausgetragen werden.
Anfänglich noch als polysportives Stadion konzipiert, findet 2001 ein Strategiewechsel zugunsten eines reinen Fussballstadions statt. Mit der Credit Suisse als Partnerin soll ein modernes Stadion in Form eines Fünfeckes entstehen, welches Einkaufen und Fussball miteinander verbindet (Mantelnutzung). Die Grossbank erhofft sich von diesem Engagement eine Brutto-Rendite von 6,5 Prozent. 2003 stimmt das Zürcher Stimmvolk sowohl dem Gestaltungsplan als auch der Teilfinanzierung durch die öffentliche Hand zu.
Der Widerstand gegen dieses Vorhaben regt sich früh und zeigt sich bis zuletzt hartnäckig. Die Kritikpunkte sind umfangreich: zu langer Schattenwurf, Mehrverkehr, Parkplatzzahl, Veränderung der Quartierstruktur, Bedrohung des Grundwasserspiegels. Die ­Gegner, allen voran die Anwohner sowie der VCS (Verkehrsclub der Schweiz), ziehen die Beschwerden mehrmals vor das oberste Gericht. Das Dach muss um zwölf Zentimeter abgesenkt, die Fahrtenzahl reduziert werden.
Die Konsequenz aus dem jahrelangen Rechtsstreit liegt auf der Hand: Die Europameisterschaft findet «ennet» den Gleisen, im eigens dafür und in Rekordzeit aus dem Boden gestampften, neuen Letzigrund statt. Es flammt eine allgemeine Diskussion über das Verbandsbeschwerderecht auf. Stadtpräsident Elmar Ledergerber prägt den Begriff des «Öko-Terrors» und Sven Hotz will die VCS-Geschäftsführerin am liebsten «ungespitzt in den Boden hauen».
Im Juni 2009 steigt die Grossbank aus dem Projekt aus. Sie beschränkt sich nur noch auf die kommerzielle Nutzung des Areals neben dem Stadion. Damit ist die Mantelnutzung des Stadions vom Tisch. Die Stadt setzt stattdessen neu auf ein redimensioniertes Fussballstadion mit 18 000 Plätzen.
Zuerst muss die Grossbank jedoch Land abtreten, welches die Stadt für 50 Millionen Franken erwirbt. Zudem hat die Stadt die Verpflichtung übernommen, auf dem Grundstück ein Sportstadion zu bauen. Wird dieses Ziel nicht erreicht, hat die Bank das Recht, die Grundstücke zu denselben Konditionen wieder zurück zu kaufen.

Projektierungskredit

Nachdem die finanzielle Lage der Grasshoppers schon länger problematisch ist, folgt im Januar 2011 ein Paukenschlag: GC-Präsident Urs Linsi droht dem Betreiber des Letzigrund (Stadt Zürich) mit dem Wegzug. Die hohen Mietkosten und Abgeltungen für Sicherheit sind für den Verein zu teuer, was bei einem jährlichen Verlust in Millionenhöhe kaum verwundert. Linsi pokert jedoch nicht nur um bessere Mietkonditionen, sondern macht ernst: der GC-Präsident kündigt den Mietvertrag per Juni 2011. Während vom GC-Campus in Niederhasli über die Gersag in Emmenbrücke bis zum Brügglifeld in Aarau allerlei Namen als Asylstadion in den Mund genommen werden, lenkt die Stadt Zürich unerwartet ein. Entgegen einer früheren Aussage, die Stadt könne den Klubs nicht entgegenkommen, gewährt sie den beiden Klubs (GC und FCZ) eine jährlich befristete Mietzinsreduktion von 450 000 Franken.
Die Fanszene der Hoppers wird auch wieder aktiv. Verständlicherweise unzufrieden mit der Heim-Situation im Letzigrund, ­lancieren die Fans die Kampagne «Zürich für Fussball – Fussball für Zürich». Es werden Unterschriften gesammelt und  am 07. März 2011 werden der Stadt 34 000 Unterschriften überreicht. Die Fans und deren Unterstützer fordern, den Neubau des Hardturm wieder ins Budget 2011 der Stadt Zürich aufzunehmen. Ziel ist es, den neuen Hardtum bis 2016 fertig zu stellen. Nachdem der Gemeinderat den Forderungen zuerst nicht entgegenkommt, folgt kurze Zeit später die Kehrtwende: Mit 66 zu 55 Stimmen wird der Planungskredit als Budgetnachtrag gutgeheissen.
Das Projekt Hardturm kann damit weiter verfolgt werden. Der Planungskredit beträgt 10,7 Millionen Franken. Das Geld ist für die Planung des Stadions sowie der Wohnsiedlungen, welche auf demselben Areal vorgesehen sind.
Das neue Stadion soll gemäss einer Machbarkeitsstudie (Zürich-West, Hardturm-Areal. Schlussbericht des Projektteams. Juni 2010) zwischen 16 000 und 18 000 Fans fassen, wobei der FCZ auf 20 000 pocht. Die beiden Kurven ihrerseits fordern Stehplätze, und auch über die Platzierung des Gästesektors wird noch diskutiert – die Stadt «war bisher der Überzeugung, der Gästesektor im neuen Stadion müsse sich aus Sicherheits- und Komfortgründen in der Südkurve befinden, weil so die auswärtigen Fans über eine Passerelle einfach zum nahen Bahnhof Altstetten gelangen könnten. Die FCZ-Fans drängen aber vehement darauf, in der Südkurve stehen zu können.» (TA, 29.04.2011)
Zudem müssen die Stadionhöhe (max. 25 Meter, da das  Projekt sonst im Hochhausbereich läge und mit erneuten Einsprachen zu rechnen wäre) sowie die Kosten (135 Millionen als obere Grenze) berücksichtigt werden.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge in Zürich-West weiter entwickeln werden. Vor 2017 ist sicher nicht mit einem Neubau zu rechnen, und diese Annahme scheint erst noch optimistisch in Anbetracht der leidigen Geschichte rund um den Hardturm.

Als Fan wünsche ich mir ein schlichtes und hoffentlich bald gebautes Fussballstadion mit Stehplätzen – bis dahin hüpfen vielleicht auch schon wieder vereinzelt Heugümper auf dem Magerrasen, welcher langsam aber sicher die Stadionbrache zu überdecken beginnt …

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