Schreyhals 26

Schreyhals 26

31. JULI 2010, FC BASEL – FC St. Gallen

Barfi retour

Barfüsserplatz, Sonntagnacht, 16. Mai 2010. Ein Gemisch aus Glasscherben und Magnesiumpulver bedeckt den Asphalt. Gekonnt winden sich die letzten Rauchschwaden um die St. Leonhardskirche. Rhytmisch prasseln die Regentropfen vom Casinobalkon zu Boden, fast so, als würden sie zur ­Melodie von «Alli alles gäh» tanzen. Unter uns liegen die stummen Zeugen der Meisterfeier, hinter uns liegt eine Woche Fussballgeschichte in Rotblau.

Rückblende

Gleicher Ort, Sonntagmorgen, 09. Mai 2010. Muttertag fällt einmal mehr ins Wasser, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Stattdessen versammelt sich FussBâle rund um das überdimensionale FCB-Logo, um den Pilgerweg nach St. ­Jakob gemeinsam zu zelebrieren. Es ist Cupfinal, zwar nicht wie von der Tradition verlangt in Bern, aber immerhin auf Naturrasen. «SING AU DU» lautet das Motto, welches noch heute von der 14er-Linie beim Zeughaus grüsst. Ohne Streller und mit Shaqiri auf dem linken Defensivposten lässt der FCB nichts anbrennen, dessen Anhang dafür umso mehr abbrennen. Ganze sechsmal muss der Lausanner Torwart Favre sich ­heute geschlagen geben, ehe Schiedsrichter ­Sascha Kever den gebeutelten ­B-Ligisten erlöst und der FC Basel zum zehnten Mal Cupsieger wird.

Vorfreude und Anspannung steht den Fans ins Gesicht geschrieben, entweder abwechselnd oder, noch öfter, gleichzeitig.

Knapp elf Stunden später also ist der ­zwölfte Mann wieder zurück am Barfüsserplatz, wo Thorsten Fink den ersten ­Titel seiner noch jungen Trainerkarriere zusammen mit Fans und Mannschaft feiern darf. «CUPSIEGER» prangert in grossen Lettern am Provisorium, welches den ehemals Braunen Mutz umgibt. Neben dem Schriftzug bleibt eine auffällig grosse Fläche unbesprüht. ­Irgendwie wirkt das Werk unvollendet. Absichtlich?

Auffahrt

Mittlerweile ist Donnerstagabend, wir schreiben den 13. Mai 2010, dem Datum haftet zwangsläufig eine negative Konnotation an. In wenigen Minuten beginnt «die Partie vor der Partie», deren Ausgangslage so klar wie simpel ist: Der FC Basel muss gewinnen, die Young Boys gleichzeitig verlieren und der Leutschenbach kriegt ­seine Fina… Erneut ohne Streller und auf etlichen Positionen umgestellt steigt der FCB in dieses Match. Der Rest ist schnell erzählt. YB geht in Luzern sang- und klanglos mit 5:1 unter, während im Joggeli «d Kurve e Einheit» ist, welche «d Mannschaft zum Sieg drait». Marcos Gelabert und der wiedergenesene Alex Frei mit einem Doppelpack innert drei Minuten besiegeln die Neuenburger Niederlage. Das Auffahrtwochenende ist nun definitiv und unwiderruflich lanciert. Die Stimmung an diesem Abend? Die Bandbreite der Nomenklatur reicht von «elektrisierend» bis «Weltklasse». In einem Punkt ist man sich am Rheinknie heute Abend einig: Wir werden Meister: «YB ZITTERET».

13 Punkte

Sonntagmorgen, 16. Mai 2010, der Cupsieg liegt bereits eine Woche zurück. 13 Punkte; soviel betrug der Vorsprung der Young Boys noch vor neun Monaten. Der FCB? Faktisch tot, ­unisono abgeschrieben von Konkurrenz und Sportpresse.
Nichtsdestotrotz, nach 2008 folgt heute also die Neuauflage des Entscheidungsspieles zwischen Basel und Bern. Der FCB gewann jene Partie im Joggeli damals mit 2:0, die Tore erzielten Valentin Stocker und Pipi Streller.
Es ist allgemein erstaunlich, wie oft in den letzten Jahren ein Direktduell in der letzten Runde über sein oder nicht sein entschieden hat …
Mit zwei Extrazügen und einem Defizit von 300 Eintrittskarten begibt sich der rotblaue Anhang singend in die Bärenstadt. Vorfreude und Anspannung steht den Fans ins Gesicht geschrieben, entweder abwechselnd oder, noch öfter, gleichzeitig.
Zur selben Zeit rüsten sich in der ­Kaserne von Bern geschätzte 600 ­Polizisten zur finalen Schlacht. Mindestens so spannungsvoll erwartet wie die Aufstellungen der beiden Mannschaften wird das Sicherheitskonzept einer solchen Affiche. Das Empfangskomitee lässt Ungutes erahnen. Beim Wankdorf angekommen wird auch gleich augenscheinlich, wie unkoordiniert der Einsatz heute einmal mehr geplant ist. Ein Teil wird von Polizei, Protectas und Tränengas à discretion ins Stadion gedrängt, während der Rest sich vor den Toren in Geduld üben muss, ehe er mehr oder weniger pünktlich zum Anpfiff im Block eintrifft. Obwohl mehr als 300 Fans ohne Ticket in den Sektor gelangen, ist der Unterrang praktisch leer und nur der Oberrang gefüllt. Wie dieses Kontingent an Gästetickets zu Stande kommt, bleibt schleierhaft … (Wohin diese völlig destruktive Eingangspolitik führen soll, ist nicht nur fragwürdig, sondern muss ernsthaft diskutiert werden. Es scheint, als ­würde das St. Galler-Modell langsam flächendeckend Schule zu machen. Einzig die Tatsache, dass man damit weder der Pyrotechnik Herr wird noch 300 Leute ohne Eintrittskarten vom Spielbesuch abhalten kann, dafür aber Wochenende für Wochenende wüste Szenen im Eingangsbereich provoziert, scheint sich noch nicht bis in die ­Entscheidungsetagen herum ­gesprochen zu haben.)

Neben Marco Streller fehlt heute auch Alex Frei. Leistungsträger, deren Abwesenheit wohl für ziemlich alle Schweizer Vereine eine veritable ­Hypothek darstellen würden, werden hier mit der Lockerheit des designierten Meisters wettgemacht. Beispiele dafür sind mannigfaltig vorhanden. Da wäre zum einen Xherdan Shaqiri, welcher auf der linken Verteidigerposition Seydou Dumbia zum Statisten degradiert, als hätte er ein Fussballerleben lang nichts anderes gemacht. Oder die schier unmögliche Art, wie Valentin Stocker den Sieg mit seinem Treffer einleitet. Bei den Bernern fehlt Yapi, welcher zu diesem Zeitpunkt bereits beim FCB ­unterschrieben hatte.
Zugegeben, die Klubs starten verständlicherweise verhalten in die Partie.
Dennoch, die Young Boys scheinen von Anfang an nicht mit dem Druck, welcher eine solche Ausgangslage zweifelsohne mit sich bringt, umgehen zu können. Ganz anders die Kicker vom Rheinknie, welche mit einer enormen Portion Selbstvertrauen mögliche Zweifel an einer erneuten Feier auf dem Barfüsserplatz im Keim ersticken. Die klare Überlegenheit drückt sich im Chancenplus der Basler aus und findet ihren ersten Höhepunkt in der 39. Minute.  Zoua, Carlitos, Stocker: Tor, und was für eines – Fussball von seiner schönsten Seite.
Nebst Yapi ebenfalls abwesend auf der Berner Seite an diesem Nachmittag – das Publikum. Die Berner haben heute die Chance, eine ­24-jährige ­Durststrecke zu beenden (damals schoss Dario Zuffi die Young Boys zum Titel), nur im Stadion ist davon nichts zu spüren. Die Konsequenz, mit welcher der YB-Anhang auf den Geraden sich ­weigert, sein Team zu unterstützen und den viel zitierten Funken zu zünden, ist beängstigend.
In der 60. Minute dann das 2:0 durch Scott Chipperfield auf Flanke von ­Stocker. Der Oldie erzielt sein 13. Saisontor und holt gleichzeitig seinen 10. Titel mit dem FCB. Wahnsinn!
Der Gästesektor im Delirium: «DAS WIRD EUCH GFALLE, UND ZWAR EUCH ALLE – VO BÄRN BIS NACH ST. GALLE».
Irgendwie ist der heutige Titel ­einer der Emotionalsten, vielleicht nach der ­Neufeld-Invasion sogar der ­Wichtigste in der jüngeren Vergangenheit. Die Handschrift von Thorsten Fink, die Dominanz der Region im Team (Frei, Streller, Huggel), die jungen ­Wilden (­Shaqiri, Zoua, Stocker), die ­Authenzität der Erfolge (man denke an die Jubeleinlagen eines Gelabert oder Huggel vor der Kurve), der erfrischende Fussball, ­welcher praktiziert wird, das ­Wachstum der Fanszene trotz dem steten Gegenwind aus Medien und Politik. All diese und noch viele andere Faktoren machen den heutigen Titel definitiv und für immer unvergesslich.
YB? Um es mit Büne Huber zu sagen: «Die ­ganzi Stadt het dr giub, ligt schyntotestill …»

In Basel ­wartet der Barfüsserplatz auf seine Protagonisten, vor einer Woche fand hier die letzte Feier statt. Dazwischen? Geschichte, geschrieben mit blauer Tinte auf rotes Pergament. ­Passend dazu wurde das «CUPSIEG» mit einem «MAISCHTER» ergänzt, der Barfi erstrahlt in neuem Glanze, ­Sonne und Mond machen gerade Schichtwechsel. Es wird ruhig in Basel, in der Ferne kann man den Basilisk träumen hören.
Es ist Sonntagnacht, der 16. Mai 2010. Ein Gemisch aus Glasscherben und Magnesiumpulver bedeckt den Asphalt. Gekonnt winden sich die letzten Rauchschwaden um die St. Leonhardskirche. Rhytmisch prasseln die Regentropfen vom Casinobalkon zu Boden, fast so, als würden sie zur Melodie von «Alli alles gäh» tanzen.

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