Schreyhals 12

Schreyhals 12

Mittwoch 14.03.2007 FC Basel 1893 – FC Aarau

Damals

Paul (Name geändert) ist Ende 30 und seit drei Jahrzehnten FCB-Fan. In dieser langen Zeit ist er zu einem bekannten Gesicht in der Muttenzerkurve geworden. Er war in den Kategorien A, B und C „tätig“, kein Wunder also, dass es aus einer so langen Fankarriere viel zu erzählen gibt. Fasten your seat-belts für eine Reise durch die Geschichte unserer Kurve.

Wie alles anfing

Es war irgendwann in der Saison 1977/78. Da hat mein Vater hat mich ins Joggeli mitgenommen. Er gehört zu jenen FCBFans, welche die glorreichen Zeiten miterlebt haben. Und mit denen hat er immer alles verglichen und bis heute ist es nie mehr so gut geworden wie es einst war. Sein Knick kam mit Cubillas, der hat für ihn alles kaputt gemacht.
So standen wir also ganz rechts neben der Haupttribüne gleich unter der Wohnung von Walti Lehmann. Ich glaube, der Gegner war Servette oder St. Gallen. Ganz klar, dass ich mich als 8-Jähriger nicht dauernd aufs Spielfeld geschaut habe, es gab ja ganz in der Nähe auch eine Menge zu sehen. Gleich hinter dem Tor war das Fahnenmeer der Muttenzerkurve. Dort standen die Leute, welche man als «Fussballrocker» bezeichnete. In ihrer Lederkluft waren sie für mich beeindruckende Gestalten. Auch das ganze Drum und Dran in der Kurve hat mich schon früh fasziniert, dieses Wilde, Unzähmbare hat mich richtiggehend angezogen.
Als ich etwa 12, 13 Jahre alt war, bin ich dann immer öfters alleine ins Stadion gegangen. Zusammen mit meinen Brüdern und einigen Kollegen. Meistens waren wir ganz oben in der Kurve, wo wir auf dem Gitter sitzen konnten. Ich hatte eine selbst genähte Fahne, mein Schal war natürlich auch von Hand gestrickt und irgendwann habe ich auch ein Trikot zum Geburtstag geschenkt bekommen. Die Kurve faszinierte mich immer mehr. Ich stand erst am Rand dieser wilden Masse, dort hinein zu stehen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Eigentlich hatte ich immer das Gefühl, dass das Stadion gut gefüllt war. Doch dabei hatte es damals als die grossen Zeiten und der Titel 1980 schon vorbei waren, meistens nur so um die 12’000 – 15’000 Zuschauer.
Dieses Zentrum der Kurve war es auch, welche die diversen Lieder angestimmt hat. Ich erinnere mich heute noch ans «Nananana» oder «Glaubed nid an Gaischter». Geil fand ich auch jeweils, wenn einer am Boden lag und «Haut drauf, Kammeraden» gesungen wurde. Schon damals hingen zahlreiche Zaunfahnen, allerdings waren diese viel stärker auf den FCB bezogen, nicht wie heute auf den Fanclub. Auch viele Union Jacks, England-Fahnen oder Baslerstäbe hingen. England war halt DAS Vorbild für Fankultur in allen Kategorien.

Auswärtsfahrten

Als ich mit 16 die Lehre anfing, konnte ich endlich auswärts fahren. Vorher wäre das undenkbar gewesen, da ich einfach kein Geld hatte. Naja, deshalb und weil ich auch nicht durfte! Ich weiss nicht, ob den Jugendlichen heute mehr erlaubt wird …
Mit meinem ersten Lehrlingslohn fuhr ich mit dem Zug nach Aarau, das war 1985/86. Der FCB hat 2:1 verloren, das Tor hat Erni Maissen geschossen. Trotzdem bin ich von da an dann praktisch an jedes Auswärtsspiel gefahren. Die Auswärtsfahrten waren damals anders. Praktisch alle fuhren alle mit dem Zug. Dies in erster Linie, weil kaum jemand ein eigenes Auto hatte, also gab es gar keine Alternative. Man ging irgendwann zum Bahnhof und stieg dann einfach in einen Zug. Zu Ur-Zeiten ohne Internet und Handy konnte man sich noch nicht so organisieren wie heute.
Im Zug ging es natürlich heftig zu und her, wie immer wenn Fussballfans unterwegs sind. Man betrank sich und veranstaltete ein ziemliches Puff. Schon damals gab es Sachbeschädigung, schon damals hielt ich davon gar nichts. Ich kann aber nicht behaupten, dass dieses Phänomen zugenommen hat. Vereinzelt gab es auch Sprayereien. Ein grosser Unterschied zu heute war aber auch eindeutig das Verhältnis zwischen den älteren und den jüngeren Fans. Die Alten liessen es nicht zu, dass wir jungen Schnösel im gleichen Wagen wie sie sassen, da wurden dann auch mal Kläpper angedroht.
Die anderen Mitreisenden und die Kondukteure hatten schon damals selten Freude an uns, so was wie Extrazüge gab es nicht (mehr). Wenn es ihnen zu bunt wurde, kam es auch mal vor, dass der Zug irgendwo im nirgendwo gestoppt wurde und wir aussteigen mussten.
Ganz allgemein gab es noch viel weniger Züge als heute. Dafür wusste man immer, wann die Spiele anfingen. Im Winter Sonntags um 14.30, im Sommer Samstags um 20.00, das war der Vorteil. Der Nachteil war dafür, dass du genau wusstest, dass du aus Sitten oder Genf nicht mehr nach Hause kommst, wenn du das ganze Spiel sehen willst. So verbrachte man einige Nächte irgendwo auf Bahnhöfen oder in den Städten. Ich kann mich noch erinnern, einmal in Sion, da suchten sich ein paar Jungs einen Schlafplatz. Sie brachen ein Gartenhäuschen eines Schrebergartens auf – ganz sicher besser als ich, der mit einem Kumpel in Brig auf dem Bahnhof gefroren hatte. In der Nacht wurden die Bahnhöfe dann auch noch abgeschlossen. Meine Mutter war von solchen Reisen gar nicht begeistert, ich war ja noch in der Lehre. Ein anderes Mal sind wir mitten unter der Woche nach Bellinzona gebrettert und mit einem Fernzug aus Italien wieder nach Hause gefahren und direkt zur Arbeit. Der Lehrmeister hat davon nie was erfahren, es hätte wohl einigen Ärger gegeben.

Die Zeiten ändern sich

Bis ich etwa 18 war, gehörte ich zu den klassischen «Trikoträgern». Ich ging damit übrigens auch in die Schule und wurde auf Grund der nicht gerade berauschenden FCB-Resultate natürlich belächelt. Wenn ich mal erzählt habe, dass ich gerade aus Bulle zurückgekommen sei, setzen einige einen ziemlich verwunderten Blick auf. Diese Zeit, so Ende der 80er, war auch die Zeit der Gangs in der Steinen. Da gab es Skinhead-Gruppen oder Braker, welche man öfters beim FCB sah, die sich am Wochenende regelmässig mit Ausländern prügelten. Da knallte es relativ heftig. Wir trafen uns nach den Spielen meistens in Spielsalons, von denen es zu dieser Zeit noch relativ viele gab uns sich dann richtig gehend zu unseren Treffpunkten entwickelten. Man ging noch nicht unbedingt in die Kneipen und besoff sich nach dem Match.
Irgendwann bin ich dann angefragt worden, ob ich Lust hätte in einen neuen Fanclub beizutreten. Die Blue-Red Warriors wurden 1987 gegründet, unser Vorbild war der Film «Warriors». Ehrlich gesagt, wusste ich nicht was Warriors bedeutete, aber egal, der Name klang geil! Wir fuhren etwa zwei Jahre zusammen zum Fussball, dann gründeten wir zusammen mit einem Rest des Fanclubs «Löwenherz» die «Anal Terror Hooligans».
Der Grund war ein einfacher. Es war irgendwie langweilig mit dem FCB durch die Niederungen der Nati B-Prärie zu tingeln. Die Stimmung war sowieso schlecht und man wollte sich auch klar positionieren.
Das Vorbild war zu jener Zeit ganz klar Deutschland. Die deutsche Hooliganszene war zu dieser Zeit auf ihrem Höhepunkt – und so was wollten wir hier auch. Als Hool wurde man zum grössten Teil respektiert, natürlich lösten wir nicht überall Begeisterung aus.
Die Gewalt fand zu dieser Zeit meistens im Stadion statt. Im Joggeli hat man den Gästefans immer wieder einen kleinen Besuch abgestattet, das war auch schon vor der ATH-Zeit völlig normal. Die hatten dann die Wahl entweder um ihr Leben zu rennen oder stehen zu bleiben und kräftig zu kassieren. Das alles war aber auch vom Spielstand abhängig. Wenn die St.Galler einfach plötzlich ein Tor schossen, dann ging das nicht, so sammelte man sich beim Totomat und dann ging es ab. Manchmal wartete man auch nach dem Spiel vor dem Gästesektor. Sektorentrennung war noch ein Fremdwort.
Allgemein lässt sich sagen, dass man diesem Phänomen völlig hilflos gegenüber stand. Zum ersten Mal nahm man nach einer heftigen Schlacht gegen die Zürcher richtig Notiz davon. Das war eine verabredete Sache bei der Joggelihalle, ich glaube 1987. Darüber wurde sogar in der Tagesschau berichtet und anschliessend einige Leute verhaftet.
Die Repression kam dann ein wenig später auf, als es in Bulle richtig knallte, danach kam es auch zu einem Prozess, aber meistens hatte es keine groben Konsequenzen. Das Problem an der ganzen Sache war, dass die Gewaltszene der Polizei mindestens zehn Jahre voraus war, zudem spotteten die Sicherheitsvorkehrungen jeglicher Beschreibung. So hatten einige Stadien weder Sektoren noch Zäune und es war völlig normal, nach einem Tor aufs Feld zu stürmen, um mit den Spielern zu jubeln. Durch die fehlende Sektorentrennung kam man leicht zu den gegnerischen Fans, dort wechselten dann Schals und Fahnen reihenweise den Besitzer. Allerdings wurde das Zeug dann gleich verbrannt und natürlich weitere Nettigkeiten verteilt.

1994 – endlich

Nach sechs Jahren in der Hölle schaffte es das Team endlich wieder zurück in die Nationalliga A. Nach sechs Jahren Scheisse, wieder zurück ins Oberhaus. Seit einigen Jahren hatte in der Kurve das «Commando Ultra» die Führung übernommen. Sie brachten wieder Stimmung ins Stadion und viel Pyro. Allerdings muss man sagen, dass es Pyro schon lange vorher gab und eigentlich hat es kaum Jemanden gestört. Der Aufstieg hat aber für mich nicht viel verändert, man hat einfach gemerkt, dass die Euphorie wieder zurückgekehrt ist. Pyromanen fanden sich in einzelnen Fanclubs wie z.b die (alten) Fanatics, Lunatics oder Blue-Red City. Vor allem letztere hatten einige Italos dabei, welche die Fackeln dann jeweils aus den Ferien mitbrachten. Gezündet hatten oft auch Einzelmasken, einfach weil es Spass machte!
Im April 1995 war Luzern, eine Kehrtwende. Ein aufgeheiztes Spiel in einer hasserfüllten Atmosphäre und da sind zahlreichen Leuten sämtliche Sicherungen durchgebrannt.
Im Joggeli wurden Kameras installiert und mit Dieter Schaub ein richtiger Sicherheitschef eingesetzt. Seine Methoden waren von Anfang an knallhart, zu reden gab es mit ihm nicht viel. Das Verhältnis zu ihm war nie gut, aber immerhin hatte er eine Ahnung von der Sache, im Gegensatz zu einigen seiner Berufskollegen heute. Die meisten Mitglieder des «Commando Ultras» holten sich wegen Luzern ein Stadionverbot und dadurch gab es in der Kurve ein Vakum, das nicht so schnell aufgefüllt werden konnte. Eigentlich bis zum Ende des alten Joggelis nicht.

Jahrtausendwende

Mit dem Wechsel auf die Schütze hat sich vieles verändert. Wir Alten trafen uns meistens gleich beim Bierstand, während die Jungen sich in der Kurve breit machten und sich dort zu entwickeln begangen. Ich denke, am Anfang ist das uns kaum noch aufgefallen. Das kam dann erst mit dem Umzug ins neue Joggeli. Die Doppelhalter und das Megafon mussten bei uns Alten einen harten Kampf austragen. Ich persönlich hatte eigentlich nichts gegen die neue «Ultra-Generation». Ich war und bin immer noch relativ deutschlandorientert, dass man jetzt plötzlich nach Italien blickte war für mich einfach ein neuer Trend. Doch Viele hatten daran nicht sonderlich Freude. Bei einigen Alten holten sich die Jungen aber dennoch Pluspunkte: Einerseits brachten sie die Pyromanie wieder zurück und andererseits durch die Choreographien: Damit können die Leute an etwas teilhaben, was einfach geil aussah. Die Jungen mussten für ihre Sache kämpfen und heute kann man sagen, dass sie sich durchgesetzt haben.
Nein, ich wünsche mir die alten Zeiten nicht zurück. Die alten Zeiten sind die alten Zeiten und die sind definitiv vorbei. Ich hatte schon immer Respekt vor Leuten, die sich aktiv am Geschehen beteiligen, egal wie. Solche Leute sind mir tausendmal lieber als die ewigen Motzer und Fussballkonsumenten. Schlimm in der heutigen Zeit finde ich, dass sich das Verhältnis der wahren Fans zu den Konsumenten massiv verschoben hat. Man pfeift schneller und ist rasch unzufrieden. Was für mich gar nicht geht, ist die eigenen Spieler auspfeifen, das gab es früher nicht. Überhaupt, so viel Scheisse wie ich die ganzen Jahre vom FCB gesehen habe, ist die sportliche Situation für mich im Moment fast perfekt.

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